Kunst Frust im Dürerhauptquartier

Was für eine Chuzpe! Die Frontalität, mit der sich der 28 Jahre alte Albrecht Dürer malte, war um 1500 dem Antlitz Christi und Königen vorbehalten. Foto: az

Arme Nürnberger! Auch zur Mega-Schau im Mai rücken die Münchner das berühmte Selbstbildnis nicht raus – ein merkwürdiger Fall

 

In puncto Dürer geht’s den Nürnbergern schon „nass nei”. Würde man in München sagen. Die vier Apostel, die ihnen der Maler einst schenkte und Kurfürst Maximilian I. später abluchste, bleiben in der Landeshauptstadt. Punctum. Auch wenn lokale Politgrößen auf Stimmfang zuweilen die Herausgabe fordern. Und jetzt bekommen die gebeutelten Franken noch nicht einmal eine heiß ersehnte Leihgabe: das berühmte Selbstbildnis von 1500. Ein Fall, der inzwischen nicht mehr nur in Nürnberg für ordentlich Krawall sorgt.

Großes steht nämlich an, am 24. Mai wird im Germanischen Nationalmuseum (GNM) die umfassendste, sicher auch wichtigste Dürer-Schau der letzten 40 Jahre in Deutschland eröffnet. Verständlich, dass die Nürnberger just das Porträt, das vom außergewöhnlichen Selbstverständnis des damals erst 28-jährigen Künstlers zeugt, rasend gerne in ihrer Ausstellung hätten. Zumal es um den „frühen Dürer” geht.

Strengster Hausarrest

Doch alles Wünschen, Sehnen, Hoffen hilft nichts, wenn es klare Bestimmungen gibt: Das Porträt steht wie die genannten Apostel oder Rubens’ „Geißblattlaube” auf der 113 Werke umfassenden Sperrliste der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Hat also allerstrengsten „Hausarrest”. Selbst wenn der Ministerpräsident, wie jetzt von Nürnbergs OB Ulrich Maly gefordert, persönlich die Herausgabe anordnen würde.

Das weiß auch Ulrich Großmann, der Generaldirektor des GNM. Nur ließ der sich von „SZ”-Journalisten zu deutlichen Unmutsbekundungen hinreißen: Das Bild könne man sehr wohl transportieren, und in der Alten Pinakothek habe er davor selten Menschenschlangen gesehen.

Der Groll donnerte spät

An den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen wundert man sich nur. Weil die Sachlage von Beginn der Planungsgespräche an klar gewesen sei, hätten die Nürnberger auch keinen Leihantrag für das Porträt gestellt, erklärt Martin Schawe. Nach dem Dürer habe man zwar gefragt, aber das Nein wurde – zumindest nach außen hin – akzeptiert. Noch vor anderthalb Wochen traf sich der zuständige Landeskonservator für die Altdeutsche Malerei mit den Nürnberger Kollegen im Pinakotheks-Café. Völlig entspannt. Schließlich unterstützten die Münchner die Forschungen zur Ausstellung. Wobei auch ausgeliehen wird: etwa das fragile Porträt des Oswolt Krel, das für den frühen Dürer sehr viel typischer sei als das ohne Zweifel fulminante Objekt der Begierde.

Ulrich Großmann indes wollte sich auf Anfrage nicht noch einmal zu Wort melden. Er wird sich grämen, vielleicht sogar in den Hintern beißen. Sein Groll, von außen fein hochgegeigt, donnert erstaunlich spät. Jeder vernünftige Ausstellungsmacher wirbt vor allem mit den Highlights, den weit hergekarrten Sensationen, die er bieten kann. Und verschwiegt, was fehlt.
Viel Lärm um nichts, könnte man sagen. Doch womöglich war die fränkische Frustentladung samt Medienrummel gar nicht so verkehrt. Jetzt wissen jedenfalls alle, dass Dürer eine Schau ist. Bald in Nürnberg.

Mehr zur Ausstellung auf http://der-fruehe-duerer.gnm.de/; auch im BR-Magazin „Quer” ist der Dürer-Streit am 26. Januar 2012, 20.15 Uhr, Thema

 

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