Kunst Die ganze Welt im Bild - Jan Brueghel in der Pinakothek

"Seehafen mit Predigt Christi" von Jan Brueghel d. Ä. aus dem Jahr 1598. Foto: © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, München

In frischen Farben und mit sagenhaften Details malt Jan Brueghel d. Ä. seine Kosmen – eine grandiose Schau zeigt sie in der Alten Pinakothek

 

Allein die Vorstellung ist heute noch, gut 300 Jahre später, kurios. Da geht eine Leinwand mit der Heiligen Familie und ein Paar Engelchen von Venedig nach Antwerpen, um den passenden Hintergrund zu erhalten. Also Hügel, Bäume und Gräser. Mehr als 1000 Kilometer ist das Bild unterwegs, wenn’s sein muss, ein zweites, drittes Mal, je nach Bedarf – doch dieses Hin und Her zwischen Fladern und dem Veneto ist keine verrückte Spielerei, sondern ausgeklügeltes, marktorientiertes Spezialistentum: Der in Italien ansässige Münchner Hans Rottenhammer hatte ein Händchen für Figuren, sein Gegenüber, Jan Brueghel der Ältere (1568-1625) war ein gefragter Maler von Landschaften, Bäumen und ja – Blumen, was ihm den mehr oder weniger schmeichelhaften Titel „Blumen-Brueghel” eingebracht hat.

Damit zogen zwei Berühmtheiten ihrer Zeit an einem Strang und wurden noch erfolgreicher. Doch während Rottenhammer auch in seiner Heimat in die Seitenkabinette gewandert ist, hat sich Brueghel seinen Platz bewahrt. Neben und zusammen mit seinem Landsmann Rubens, um dessen Leiblichkeiten er die delikatesten Blumenkränze wand. In der Alten Pinakothek ist der Chefflorist nun in einer erhellenden Schau zu erleben, die ihn als eigenständigen, innovativen und facettenreichen Künstler zeigt.

Im Team lief Brueghel zur Hochform auf

Mit 49 Gemälden - darunter drei Hauptwerke - besitzt München einen einzigartigen Brueghel-Bestand, der im Rahmen der Ausstellung minutiös untersucht wurde. Es bedurfte also nur weniger Leihgaben aus den Kunstmetropolen von Florenz bis London, um ein differenziertes Bild des Malers zu zeichnen.

Dass Jan einen eigenen Kopf hat, offenbart sich früh. Natürlich ist er anfangs im Bann des populären Vaters Pieter Brueghel d. Ä., dessen Bauernszenen oder das Schlaraffenland vom Beginn des Rundgangs bis heute in endlosen Reproduktionen Wohn- und Wirtsstuben zieren. Aber die Kopien, die Jan mit Bruder Pieter d. J. nach den Werken des 1569 früh verstorbenen Familienoberhaupts angeht, variiert er bald. Die Formate werden kleiner, er setzt andere Akzente. Und aus Italien hat Jan ein feines Repertoire an Motiven mitgebracht wie antike Triumphbögen oder die Kirchen Roms. Das brennende Troja etwa gibt er 1597 mit Engelsburg und Petersdom wieder.

Damit präsentiert er sich als Künstler von Welt. Doch im Zusammenspiel mit dem Erbe seiner Heimat, der unglaublichen Lust am Detail – oft bräuchte man eine Lupe – und seinem phänomenalen Sinn für Farben kreiert er überbordende neue Landschaften. Wo man hinschaut, entspinnt sich eine Geschichte, ein Geflecht an Beziehungen. Im „Seehafen mit der Predigt Christi” sucht man lange nach dem marginalisierten Hauptmotiv, irgendwo zwischen dramatisch abgesenktem Horizont und den Turbulenzen des Fischmarkts im Vordergrund mit unterschiedlichsten Typen, Ständen, Moden, Land- und Wasser-Viechern. Und natürlich haben Predigt und Markt miteinander zu tun, wer Christus folgt wird belohnt, auch das zeigt, wie komplex diese Bilder angelegt sind.

Liebe zum Detail - und ein Blick fürs große Ganze

Brueghel konnte alles. Aber im Team lief er noch mal zur Hochform auf. Die nordischen Landschaften mit den südlich inspirierten Körpern des eingangs erwähnten Hans Rottenhammer kamen beim Publikum dies- und jenseits der Alpen bestens an, auch mit Sebastian Vrancx oder seinem Antwerpener Nachbarn Hendrik van Balen gab es eine intensive Kooperation, sie schaffen den wundervollen „Jahreszeiten-Zyklus”. Am fruchtbarsten war jedoch die Zusammenarbeit mit Peter Paul Rubens, die beiden verband zudem eine enge Freundschaft. Man denke an die Amazonenschlacht, die Vision des Hl. Hubertus und einen der hauseigenen Höhepunkte: die „Madonna im Blumenkranz” (1616/18). Fern jedes Konkurrenzgehabes windet sich der eine um den anderen. Im Katalog ist aus dem Kranz ein Schwalbenschwanz in Mikroskopaufnahme abgebildet, dazu die Staubblätter einer Schwertlilie, besser geht’s einfach nicht, das war auch Rubens klar, für den solche Fitzelarbeit die reine Folter gewesen wäre.

So lernt man mit Brueghel einen Allrounder kennen, der sich immer wieder klug spezialisiert hat. Einen, der mit federleichtem Pinselstrich zarteste Details auf die Leinwand brachte und mit Farbschichtungen und Bildkonstruktionen genauso Sinn fürs große Ganze bewies. Dass er herausragt, zeigt sich im europäischen wie im familiären Umfeld. Nicht umsonst greifen Sohn Jan der Jüngere (1601- 1678) und selbst Enkel Jan van Kessel (1626-1679) auf die Vorlagen des Alten zurück. Bei den Brueghels ist das ja nichts Neues. Das innovative Potenzial macht dann allerdings den Unterschied.

Alte Pinakothek, bis 16. Juni, Katalog (Hirmer), 50 Euro. Auf www.pinakothek.de/brueghel gibt’s u. a. Bilder im Zoom, For- schungsdetails und einen Film.

 

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