Kunst Bewunderndes Erschrecken

Max Beckmanns „Frau mit Mandoline in Gelb und Rot“ entstand 1950 und zählt zu den 13 Exponaten aus der hauseigenen Kollektion. Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Beckmann, Picasso und De Kooning: Carla Schulz-Hoffmanns großartige „Frauen”-Schau in der Pinakothek
der Moderne

 

Ist diese „Frau im Lehnstuhl”, eine Dekonstruktion in Gelb, Rot, Schwarz und Weiß von 1927, Persiflage oder Kampfansage? Ihrem Schöpfer, Picasso, traut man beides zu. Statt einer weiblichen Gestalt erkennt man nur ein Gebilde, das aussieht wie die männliche Horrorvision einer Vagina Dentata; zwei Brüste kullern weg, Fragmente eines Rahmens machen das Ganze als Bild im Bild kenntlich. Ein surrealistischer Witz – ein köstliches Gemälde, gerade im Kontrast etwa zum klassischen Porträt seiner ersten Frau „Olga” .

Um „Frauen” bei Max Beckmann, Pablo Picasso und Willem De Kooning geht es in Carla Schulz-Hoffmanns Abschiedsschau, mit deren Eintritt in den „Unruhestand” nach über 35 Jahren für die Staatsgemäldesammlungen eine Ära zu Ende geht. Mit dieser so aufwändigen wie präzise komponierten Präsentation in der Pinakothek der Moderne macht sie dem Kunstpublikum ein wunderbares Geschenk. Denn das ist Schulz-Hoffmanns große Stärke: Zusammenhänge zwischen den Malern aufzudecken, Verbindungslinien zwischen ihren Werken herzustellen, die nicht immer zwingend, aber stets plausibel erscheinen.

Der männliche Blick

Natürlich geht es nicht um Frauen an sich, sondern um den männlichen Blick auf sie. Der (er-)findet viele in sich ruhende, selbstvergessene Schöne wie Beckmanns „Frau mit Mandoline” oder „Frau Welt”. Es gibt starke Frauen (Picassos „Maternité”), emotionsstarke Frauen (Picassos „Weinende”), unterschwellig bedrohliche Frauen (Picassos „Frau mit Artischocke”, Beckmanns „Columbine”). Gerade die Werke De Koonings gewinnen in der Konfrontation mit den älteren Kollegen an Wirkung. Bei ihm erscheint das Thema wie in einem Zerrspiegel, dessen Entfernung vom Figurativen, neben den schillernden Gestalten Beckmanns und Picassos Frauenfiguren umso spannender wirkt.

Da steht man etwa vor „Untitled VI”, einer Farborgie in Rosa, Pink und Grün. Umwerfend – nur eine Frau kann man darin beim besten Willen nicht mehr erkennen. Aber die völlige Auflösung ist Programm. Der Holländer in den USA arbeitete sich zeitlebens daran ab, die Frau als Bildgegenstand bis zur Unkenntlichkeit zu zerlegen und dabei ihre Seele dennoch zum Klingen zu bringen, indem er sie quasi in einen anderen – metaphysischen – Aggregatszustand überführte.

Aber sogar Männer kommen vor, häufig eher als Beiwerk („Frau mit Katze” von Picasso) oder als starrer Gegenpol zu einem höchst lebendigen Weib wie Beckmanns „Olympia”. Kein Wunder, dass etwa in Picassos „Maler und Modell” die Inspiration – auch farblich – natürlich von der Frau ausgeht. In „Paar”, „Umarmung” oder „Kuss” vereinigen sich dann Mann und Frau als Liebende fast unentwirrbar zu einem einzigen Wesen.

Insgesamt umfasst die Schau 92 fantastische Gemälde, davon stammen nur 13 aus den eigenen Beständen, alle anderen Exponate sind internationale Leihgaben, die in der Zusammenschau zu sehen, sich absolut lohnt. Sieht man alle Frauen in ihrer Ausdrucksvielfalt an, so scheint es, als seien sie für Beckmann das aufgrund ihrer manifesten Gefühlswelt bewunderte andere Geschlecht, als würden sie bei Picasso zum Gefäß eigener Seelenregungen, und als verschmölzen sie bei De Kooning mit einer beseelten Natur.

Bis 15. Juli, Katalog, (Hatje Cantz) 39.90 Euro

 

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