Kultur „Wir wurden ausgetrickst“

Ein Besuchermagnet vor dem Aus: Erlangen will das Figurentheater-Festival kippen. Auch Nürnberg und Fürth wären betroffen. Foto: Erich Malter

NÜRNBERG - Erlangen riskiert mit dem Aus fürs Figurenfestival einen Image-Totalschaden und brüskiert die Kooperationspartner im Großraum.

 

Persönlich gesehen, finde ich uns perfide ausgetrickst“, sagt Kulturmanager Bodo Birk, noch hörbar geschockt von dem skandalösen und von jedem Sachverstand unbeleckten Vorschlag im Erlanger Stadtrat. Mit einer Stimme Mehrheit von CSU/FDP hatte sich der 13-köpfige Kulturausschuss in einer spätabendlichen Marathon-Sitzung auf Druck des FDP-Solisten Lars Kittel darauf verständigt, ab 2011 das Internationale Figurentheaterfestival zu opfern. Ein Donnerschlag ohne Vorwarnung, den der (isolierte) Kulturreferent Dieter Rossmeissl (SPD) nicht ahnte. OB Siegfried Balleis (CSU), der vorher etwa der AZ gegenüber betonte, keine „bestehenden Strukturen“ zerschlagen zu wollen, klang in einem Interview vor der Sitzung schon vieldeutiger. Man wolle „nicht alle Festivals streichen“.

An die „Vernunft der Politik“ hatte Rossmeissl noch vor einer Woche geglaubt. Jetzt sieht er die Ergebnisse einer kahlschlagenden „Symbolpolitik“. Schließlich könne es sich bei den extern vorgeschlagenen Kürzungen in der Kultur (drei Prozent der Gesamtsumme) nicht um „Stellschlüssel zur Haushaltsverbesserung“ handeln. Und Bodo Birk, der im Ausschuss stumm bleiben musste, ergänzt: „Es kann doch keiner ernsthaft sagen, dass bei einem Haushaltsloch von 30 Millionen Euro die Stadt keine anderen Wege sieht, als dieses Festival abzusägen.“

30000 Euro Differenz liegen nach seinen Berechnungen zwischen seinen Sparvorschlägen und dem nun von der CSU/FDP präsentierten Sparziel, das Ende Februar beschlossen werden soll. Und dafür riskiert man einen Image-Totalschaden? Oder dient Kultur eben doch nur als billige Manövriermasse?

300000 Euro soll der Vorschlag, das Figurentheaterfestival abzuschaffen (das alle zwei Jahre parallel auch in Nürnberg, Fürth und Schwabach stattfindet), an Ersparnis bringen und gleichzeitig die beiden anderen ebenfalls bedrohten Renommier-Veranstaltungen (Comic-Salon, Poetenfest) absichern. „Sachlich falsch“, stellt Birk fest: Denn die Hälfte der Summe fließt an den Kämmerer, ein Viertel ans Kultur- und Freizeitamt und nur der Rest ans Projektbüro. Auch dass das 20. Poetenfest heuer im gewohnten Umfang stattfinden könne, verneint er: Nach dem Comic-Salon im Juni sei fürs Autoren-Treffen im Sommer nur noch Geld für eine „Zwischenvariante“ vorhanden.

Es ist ein Erlanger Kasperltheater, vielleicht auch Figurentheater, was für die politisch Verantwortlichen vermutlich keinen Unterschied macht. Aber ein Denk-Chaos mit eingebautem Domino-Effekt. In Fürth befürchtet man, dass das SPD-Oberhaupt der klammen Stadt die Chance zum Kaputtsparen ebenfalls ergreift. In Nürnberg spielt Michael Bader vom KunstKulturQuartier „den Fall noch nicht durch: Was wäre wenn“ und hofft, „dass den Erlangern klar wird, wie die Stadt von dem Festival profitiert.“

Rossmeissl und Birk sehen die Chance, dass der „ohne Not“ gemachte Vorstoß wieder revidiert wird. Balleis verteidigt die Trümmer der Kulturpolitik. Und rät den Erlangern, einfach 2011 nach Nürnberg zum Figuren-Festival zu fahren. Andreas Radlmaier

 

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