Kultur Wer will Punks im Haus?

„Jeder Ältere muss über kurz oder lang sein Vertrauen in die Hand von Jüngeren legen“, entgegnet Nora Gomringer, die neue Direktorin der Villa Concordia, Skeptikern. Foto: privat

NÜRNBERG/BAMBERG - Radikaler Generationswechsel: In Bamberg übernimmt die erst 30-jährige Nora Gomringer, preisgekrönte Lyrikerin und Poetry-Slam-Queen, die Villa Concordia

 

Mit Scherzen hat das nichts zu tun. Heute tritt Nora Gomringer offiziell ihren Dienst in der Villa Concordia in Bamberg an, der staatlichen Stipendiums-Plattform, wo seit 1998 etablierte Autoren wie Herta Müller und Arnold Stadler, Künstler wie Markus Putze und Komponisten wie Jörn Arnecke residierten. Die preisgekrönte und weitgereiste Lyrikerin und Poetry-Slam-Queen, die auf Gründungsdirektor Bernd Goldmann folgt, ist mit 30 Jahren wahrlich jugendlich frisch.

AZ: Frau Gomringer, Sie haben sich zum ersten Mal in Ihrem Leben auf einen Job beworben. Hatten Sie mit dem Zuschlag gerechnet?

NORA GOMRINGER: Komischerweise war es so, dass ich die Ausschreibung gelesen habe und mir gedacht habe, das ist ja wie auf mich gemünzt, irre, da bewerbe ich mich. Allerdings war mein Vorstellungsgespräch kein leichtes.

Warum?

Es wurden viele Bedenken geäußert wegen meines vermeintlich jungen Alters. Und ob ich denn wirklich schon sesshaft werden wollte und ob ich meine eigene künstlerische Karriere mit der Arbeit in Diensten verbinden könnte. Es wurde so ein bisschen auf diese Spitze hingetrieben, ob ich das denn wirklich wollte. Ich hätte mich aber niemals beworben, wenn ich nicht ernste Absichten in meinem Herzen gehabt hätte. Ich wusste, dass ich die erste war in dem Zyklus der Befragten. Und nach der Tradition bei Poetry Slams, wo der erste Auftretende fast nie gewinnt, habe ich gedacht, das kannst du vergessen.

Es hat dann aber doch geklappt. Trotzdem gibt es einige Skeptiker, die Angst haben, ob jetzt eine Art Popkultur in die bislang eher klassisch geprägte Villa Concordia einziehen wird.

Es ist tatsächlich so, dass es einige Leute gibt, die befürchten, dass ich die ganze Bude mit Punkern fülle. (lacht) Das will ich auf keinen Fall. Innerhalb der Stadt und der bisherigen Rezipientengruppe, die das Haus umgibt, gibt es sicherlich Leute, die aufgrund meines Alters Bedenken haben. Dazu kann ich nur sagen, jeder Ältere muss auf kurz oder lang sein Vertrauen in die Hand eines Jüngeren legen und die Jüngeren müssen sich ganz bewusst um das Wohl der Älteren bemühen. Und in der Kulturarbeit wird das ganz genau so sein. Ich bilde da sicher keine Ausnahme.

Wie sehen Ihre Pläne aus?

Mich interessiert generell der Kontakt zwischen den Generationen, zwischen den Konfessionen und zwischen den Kunstgattungen. Da ich ein relativ spartenloses Verständnis für Kultur und die Künste habe, freue ich mich, das einrichten zu können, was die Stipendiatinnen und Stipendiaten sich wünschen und brauchen, um ihre Arbeit hier innerhalb eines Jahres gut machen zu können. Meine Idee ist es zudem, die Künstler der Villa stärker in der Stadt zu positionieren und Zusammenarbeiten aktiv zu suchen, von der Lesung im Kino, der Veranstaltung im Theater oder der Uni über das Konzert mit den Symphonikern bis zu den Schulorchestern. Alle diese Dinge sollen bewusst ausbaut, erweitert und nach Kräften institutionalisiert werden.

Wird es auch Kunst- und Kultur-Experimente geben?

Unbedingt, ich werde gewissermaßen ein Labor einrichten. Wenn man sich die Tendenzen in den Kulturbetrieben international anguckt, ist es einfach so, dass bereits viel Wert auf den Prozess der Arbeit gelegt wird, statt nur auf das fertige Produkt. Noch nie wurde so viel Augenmerk auf den Prozess gelegt und in der Kunst interessiert mich der Prozess mindestens so viel wie das Endergebnis.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in Ihrem neuen Job?

Insgesamt sind es hochpolitische, diplomatische Vorgänge, die ich mir erschließen und bewusst machen muss. Es sind Feinheiten, die ich bisher nur aus einer ganz bestimmten Situation heraus kenne, und zwar aus der des Künstlers. Wie viel hinter großen Betrieben steht, gerade in so einem Haus und wie viel Absprache alles braucht, lerne ich jetzt.

Zum Abschluss: Auf was freuen Sie sich am meisten?

Mit einem Team zusammen Gedanken entwickeln zu können, Pläne zu schmieden und mich unterstützt zu wissen vom Freundeskreis der Villa Concordia. Ich gehe mit sehr viel Ehrfurcht an diese Aufgabe, aber es ist keine lähmende Ehrfurcht. Es ist Respekt. Interview: Frank Gundermann

 

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