Kultur Wenn’s dem Affen an Zucker mangelt

Mich laust die Puppe: Anna Maria Kaufmann als Jenny im Augsburger „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Foto: A.T. Schaefer

Bertolt Brechts und Kurt Weills Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ im Augsburger Theater

 

Zuletzt sollten Päpste ein Affenfell am Kreuz umkreisen. Doch das wollte die Intendantin Juliane Votteler nicht auf ihrer Bühne dulden. Deshalb gab’s das Opernfinale konzertant und einen Besetzungszettel ohne Regisseurin Tatjana Gürbaca und ihren Ausstatter Stefan Heyne.

Bertolt Brechts Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ ist mit Bibelzitaten gespickt, was den Komponisten Kurt Weill zu Chorälen und Barockzitaten nötigte. Zwar traten im verbleibenden Inszenierungs-Rest kurz Adam und Eva im Paradieskostüm auf, doch sonst interessierte sich die Regie nicht für Brechts religionskritischen Unterton.

Der Krach interlässt einen seltsamen Beigeschmack, weil die Intendantin persönlich als Dramaturgin amtierte. Haben die beiden Damen vor der Generalprobe nie über den Schluss gesprochen? Theater, Du wunderbare Chaoswelt!

Hilfe! Schon wieder Affen!

Die ziemlich platte Aufführung ist kein Aufreger. Gürbaca erzählt die Geschichte ohne halbseidene Nutten- und Zwanzigerjahre-Gemütlichkeit. Die Bühne ähnelt verteufelt dem braunhölzernen Zuschauerraum des Augsburger Theaters: Wir alle leben also im Freizeitparadies Mahagonny. Nach Einführung des Raubtierkapitalismus trägt man dort Affe. Will sagen: Wenn alles erlaubt ist, wird der Mensch zum Tier. Als Jim Mahoney wegen Geldmangels zum Tod verurteilt wird, grenzt ihn die wieder als Menschheit kenntliche Gesellschaft aus und setzt ihm einen Affenkopf auf.

Als Münchner mag man seit Doris Dörries „Rigoletto“ auf Opernaffen allergisch reagieren. Aber die Beleidigung unserer nächsten Anverwandten unter den Lebewesen bügelt auch Brechts Dialektik platt. Die verurteilt den Genuss in Mahagonny nicht rundweg, sondern spielt ihn gegen die Vertröstungen im Jenseits aus. Passend zu diesem Moralinkonzept passte, wählte die Regisseurin die marxistische Variante von Mahoneys Schlussworten, die den Choral „Gegen Verführung“ in eine platte Warnung uminterpretiert.

Vom Mime zum Tristan

Brechts schneidender Zynismus tönte nur aus dem Graben. Dirk Kaftan holte mit dem knackigen Philharmonischen Orchester unerhörte Farben aus Weills Musik heraus. Bayreuths „Ring“-Mime Gerhard Siegel, der in Augsburg bald den Tristan wagen wird, trumpfte als Jim Mahoney mächtig und etwas ungeschlacht auf. Eine schlauere Regie hätte mehr daraus gemacht, dass er kaum wie ein Holzfäller aussieht. Die Musical-Diva Anna Maria Kaufmann blühte erst vor Gericht auf, als sie in einer prächtigen weißen Robe erschien. Davor blieb ihre melancholische Jenny viel zu diskret.

In diese Brechthölle leuchtete ein Hoffungsstrahl: Der hinreißende, im Programmheft ungenannte Musterschüler von etwa 10 Jahren, der die Szenenüberschriften kühl untertreibend vortrug. Das war ganz episches Theater und nicht so verdruckst wie der Rest.

Robert Braunmüller

Wieder am 11., 13., 16., 19. und 24. 2. Infos und Karten: http://theater1.augsburg.de

 

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