Kultur Traurig ist am schönsten

Auf dem Kreuzweg: Christina Pluhar sorgt für wunderbare Turbulenzen in der Alten Musik. Foto: Marco Borggreve

Christina Pluhar liefert die perfekte Platte zur Karwoche: Frühbarockes von Monteverdi bis Biber klingt auf „Via Crucis“ wie Weltmusik

 

Mit den kastanienroten Haaren und dem langen schwarzen Ledermantel würde sie im countryaffinen Rockgeschäft gute Figur machen. Selbst als Wotans Wunschmaid Brünnhilde ginge Christina Pluhar problemlos durch, was sie mächtig amüsiert. Denn die Frau mit der sanften Stimme sorgt in einem ganz anderen Metier für Aufruhr: Sie mischt Alte Klänge auf, zuweilen mit ein paar Takten Jazz, und die Musik von Monteverdi bis Biber bekommt bei ihr so viel Drive, dass sie wunderbar frisch und wie neu klingt. Auf ihrer aktuellen CD begibt sich die Pluhar mit ihrem Ensemble L’Arpeggiata auf die „Via Crucis“, den Kreuzweg also, und entdeckt dabei die bodenständige Kraft korsischer Volksweisen.

AZ: Frau Pluhar, waren Sie schon in Oberammergau?

CHRISTINA PLUHAR: Nein.

Sie hätten dieses Jahr die Gelegenheit. Aber die Passionsspiele dürften musikalisch nicht so Ihr Ding sein.

Ich hab’ auch leider keine Zeit.

Sehr diplomatisch. Bekommt eigentlich die Passion in schlechten Zeiten wieder mehr Bedeutung?

Schwer zu sagen. Aber die Kunst beschäftigt sich jetzt seit 2000 Jahren damit, und als Musiker ist man einfach fasziniert von diesem unglaublichen Repertoire, den Traditionen, die es zu diesem Thema gibt. Und meistens wurden dazu die inspiriertesten und schönsten Stücke komponiert.

Also ist die schönste Musik wohl doch die traurige.

Das kann man wohl sagen.

Was ist das Besondere?

Die Vibration dieser Musik. Ich glaube, dass damit auch Leute erreicht werden, die mit der Passion selber nichts anfangen können, einfach weil der Tod so präsent ist. Und das betrifft jeden, ausnahmslos. Gleichzeitig spürt man aber auch diese Hoffnung. Das ist einfach eine ganz universelles Thema.

Sie kombinieren Alte Musik mit Neuem wie Jazz. War Ihnen der dauernde Blick zurück zu eingeschränkt?

Absolut nicht. Ich suche ja den lebendigen Barock in der Tradition. Und Musik lebt nicht auf dem Papier, es sind doch meine heutigen Musiker, die diese Kunst heute kreieren.

Und für Sie existieren weder Zeit- noch Genre-Grenzen.

Wenn wir moderne Ausflüge einbauen, sind wir uns dessen immer sehr bewusst.

Ist der Staubwedel im Grunde Ihr Lieblingsinstrument?

Schön ausgedrückt.

Von L’Arpeggiata klingt einfach alles sehr entstaubt.

Für mich ist diese Musik so aktuell, sie berührt mich so sehr, dass ich nicht mit dem Staubwedel unterwegs sein muss.

Für Ihr neues Album „Via Crucis“ haben Sie Barockes mit Volksmusik aus Korsika kombiniert. Weil im Süden am schönsten gelitten wird?

Meine Projekte entstehen immer durch Begegnungen. Die korsische Gruppe Barbara Fortuna hat mich einfach sehr berührt. Aber klar, überall im Mittelmeerraum findet man diese reichhaltigen Passionsgesänge mit sehr theatralischen Inszenierungen. Das ist dort noch sehr lebendig.

Und bodenständig.

Genau darin liegt auch ein sehr großer Reiz.

Wenn man Ihre CDs länger hört, verwischen die Grenzen zwischen Volksweisen und Barockem. Ist das beabsichtigt?

Diese Grenzen sollten doch gar nicht erst entstehen, dieses ewige Alt und Neu bringt uns nicht weiter. Deshalb bin ich auch gegen den Begriff Alte Musik. Was wir spielen, ist lebendig. Über die Jahrhunderte hinweg!

Christa Sigg

CD: Via Crucis, Virgin Classics, Konzert: Teatro d’Amore,15. Oktober, Prinzregententheater, L’Arpeggiata und Philippe Jaroussky

 

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