Kultur Teil 1: Das andere Murphy-Gesetz

Bernd Eichinger Foto: dpa

MÜNCHEN - Wie der Landarztsohn Bernd Eichinger vom Internats-Rabauken zum Filmproduzenten und Manager der Constantin wurde.

Es ist die Geschichte, von einem, der auszog, das Filmen zu lernen. Bernd Eichinger wurde 1949 in Neuburg an der Donau geboren, sein konservativ-strenger Vater war Landarzt in Rennertshofen, einem Dorf am Beginn der Jura-Fels- und Hügellandschaft. Hier wuchs Bernd mit seiner Schwester auf, ehe er auf ein katholisches Internat im Bayerischen Wald musste.

„Die Glocke teilte dort das ganze Leben ein“, erzählte Eichinger. Aus dieser Erinnerung entstand die Idee für einen Kurzfilm, in dem eine Klingel den Tagesablauf eines jungen Mannes bestimmt und ihn in den Wahnsinn treibt. Mit diesem Werk wurde er an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) genommen und war damit für die deutsche Filmbranche als großes Talent gewonnen.

Unter 400 Bewerbern ergatterte er an der HFF einen der elf Studienplätze

Zuvor war Eichinger aber mit 17 bereits vom Internat geflogen und kam für die letzten Gymnasialjahre nach München ans naturwissenschaftlichen Erasmus-Grasser-Gymnasium in Laim. Ab Nachmittag war er wieder im Internat untergebracht, dem nahegelegenen Albertinum.

AZ-Redakteur Michael Heinrich war hier Klassenkamerad von Eichinger: „Wir gehörten zur gleichen Clique“, erinnert er sich: „Bernd faszinierte uns: Er war ein Bohémien, freundlich, beliebt und hatte einen ziemlichen Schlag bei den Mädchen. Da er auch gerne ein paar Bierchen trank, rauchte – auch mal einen Joint – passte er wunderbar zu uns. Unvergessen seine Gitarrenstücke auf Klassenfahrten, sein raues Lachen, die Respektlosigkeit gegenüber Lehrern. Er saß hinter mir und profitierte bis zum Abitur auch von meinen Mathe- und Physikkenntnissen. Wir genossen seine von ihm damals schon gedrehten Amateur-Filme.“ Einer dieser Filme war im Abiturjahr 1970 „Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues“ – der Anfangssatz aus Samuel Becketts Roman „Murphy“ und bei Eichinger Titel für seine Internatserinnerungen.

Schon mit 23 Jahren gründete er seine Produktionsfirma „Solaris“

Unter 400 Bewerbern ergatterte er an der HFF einen der elf Studienplätze: „Diese Zeit war eine Offenbarung“, schwärmte er und blieb der Hochschule auch später als Dozent treu. Noch während des Studiums arbeitete er als Aufnahmeleiter in den Bavaria Studios.

Schon mit 23 Jahren gründete Eichinger seine Produktionsfirma „Solaris“ – mit geliehenen 20000 Mark. Der Produzent Hans Weth kam zwei Jahre später, 1976, hinzu: „Bernd war damals unser Mann im Büro, während ich am Set die Sachen am Laufen hielt. Diese Aufteilung war gut so, denn Bernd konnte hart zu den Regisseuren sein, er war extrem durchsetzungsstark. Ich war der Einzige, der Contra gegeben hat. Bernds Härte war oft notwendig, da unsere Firma immer am Rande des finanziellen Abgrunds stand.“

Beim TV-Achtteiler über eine deutsche Familie im Wilhelminismus, „Theodor Schindler“, mussten 4000 Komparsen organisiert werden. Die Aufnahmen gerieten finanziell aus dem Ruder. „Am Ende war das Budget um 1,1 Millionen Mark überzogen. Aber durch Bernds Einsatz ist trotz dieser damals großen Summe der Laden nicht in die Luft geflogen“, erinnert sich Weth: „Bernd war ruhelos, ein irrsinniger Aktivist. Ich habe mich immer gefragt habe: Woher hat der seine Batterien?“ Ein Erfolgs-Geheimnis ist sicher Eichingers Ausstrahlung gewesen, Weth nennt es „Charisma“: „Mit seiner Persönlichkeit konnte er alle überzeugen, mehr als wenn er nur sachlich argumentiert hätte.“

Millionenerfolg mit „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

1978 erwarb Eichinger ein Viertel der Konkursmasse der Constantin Film. Dem Bertelsmann-Konzern war zuvor die Sache zu heiß geworden. Bertelsmann stieß also seine Anteile wieder an den vorherigen Geschäftsführer Manfred Barthel ab, der aber sofort in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Nachdem ein Bauunternehmer alle Anteile aufgekauft hatte, ging nichts mehr. Im Oktober 1977 musste die Constantin Film Konkurs anmelden. Es wäre das Ende nach knapp dreißig Jahren gewesen. Wenn nicht der 29-jährige Eichinger dem neuen Eigner und Likörfabrikanten Ludwig Eckes 25 Prozent Anteilsteile abgekauft und den Laden kräftig umkrempelt hätte.

Schon 1981 gelang der erste Millionenerfolg mit „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Adrian Prechtel

 

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