Kultur Nürnbergs neue Bewerbung als Kulturhauptstadt

Tschüß Kulturhauptstadt Ruhr.2010 - Hallo, Nürnberg2018? Foto: dpa

Nürnberg - Zwischen Wollen, Sollen und Können: Nürnberg denkt über den dritten Anlauf als „Kulturstadt Europas“ nach - und hofft diesmal auf Hilfe der ganzen Metropol-Region

 

Die Wunden sind inzwischen verheilt, aber die Narben jucken wieder: Als zum Ende des Kulturhauptstadt-Jahres am Samstag die Kultur-Manager von „Ruhr. 2010“ ihre Erfolgs-Bilanz eines Aktions-Jahres mit Euro- pa-Gütesiegel vorlegten, hatten sich zuvor im Nürnberger Rathaus bereits führende Köpfe mit der Frage befasst, ob es an der Zeit sein könnte, die Erfahrung schmerzlicher Niederlagen der Vergangenheit in positive Energie für die Zukunft zu verwandeln. Soll heißen: Nach zwei schroffen Ablehnungen für Nürnbergs Titel-Ambitionen 1999 und 2000 knapp 20 Jahre später ein dritter Anlauf für 2018, obwohl da bereits in aller Stille Aachen mit Maastricht und Lüttich in Dreier-Verhandlungen steht.

Zunächst war der Kulturausschuss des Stadtrats auf Bildungsreise in Essen, ein Sonderbeauftragter von OB Ulrich Maly erkundete eine Woche lang das Fest, dann schaute sich Anfang Dezember auch das Team von Julia Lehners Projektbüro dort um. So erfuhr man schon mal, was später aufgelistet wurde: 10,5 Millionen Besucher bei 5500 Veranstaltungen in 53 teilnehmenden Städten. Vom Oberbürgermeister kam das interne Kommando, denkbare Realisierungs-Möglichkeiten zu überprüfen, von der CSU gab es schon vor zwei Jahren die generelle Forderung nach Neubewerbung.

Die Vorgeschichte verwandelt, je weiter sie zurückliegt, ihre Tragik in komische Erinnerungen. Zwei Stadtoberhäupter sind am Ehrgeiz gescheitert, aus Nürnberg eine europäische „Kultur-Hauptstadt“ zu machen. Peter Schönlein (SPD) hatte für seinen damaligen Kommunalwahlkampf sogar tollkühn den Begriff „Kulturmeile“ adaptiert und damit die Bildungs-Rennstrecke zwischen CineCittà-Kino und Germanischem Nationalmuseum zur begehbaren Bewerbungs-Unterlage aufgepäppelt. Vom „Kunst-Kultur-Quartier“ wusste man zu dieser Zeit noch nichts. Doch den Zuschlag bekam für 1999 sowieso nicht Nürnberg, sondern die kleine Dichter-Stadt Weimar auch als Teil der bundesweiten Aktion „Aufbau Ost“. Albrecht Dürer und Hans Sachs verloren gegen Schiller, Goethe und „Wir sind das Volk“. Schönlein gab nicht auf, setzte nach und überwand die Tatsache, dass Deutschland für absehbare Zeit mit dem Europa-Titel nicht mehr dran war, durch einen artistischen Sprung aufs nächst erreichbare Trittbrett. Weil zur Jahrtausend-Wende ohnehin eine Art Polonaise neun europäischer Kommunen mit dem Lorbeer beglückt wurde und Nürnberg sein sowieso fälliges 950. Stadtjubiläum einbringen konnte, wollte er mit Hilfe der Partnerstädte Krakau und Prag im Huckepack-Verfahren dabei sein.

Da kam ein „Machtwechsel“ im Rathaus dazwischen. Der neue OB Ludwig Scholz (CSU) hatte andere Schwerpunkte, Kulturreferent Georg Leipold (parteilos) reiste mit Bürgermeisterin Helene Jungkunz (CSU) werbend durch die Nachbarländer. Letztlich war es Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair (CSU), der den Deal vermasselte, weil er bei den entscheidenden Brüsseler Gremiums-Sitzungen als einziger deutscher Vertreter keinen Finger krumm machte für Nürnberg. Eine Blamage, über die man soviel Gras wachsen ließ, dass das Thema sogar dem jungen OB Ulrich Maly (SPD) erst wieder auffiel, als die AZ in ihrer Serie „10 Jahre danach“ an die Niederlage erinnerte. Inzwischen zirkulieren Gedankenspiele, die mehr oder weniger deutlich dem Kulturstadt-Großprojekt „Ruhr“ abgelauscht sind. Die Allein-Bewerbung Nürnbergs steht zwar schon aus finanziellen Gründen nicht zur Debatte, aber die „Metropolregion“ soll nach dem modifizierten Ruhr-Schnittmuster ins Gespräch gebracht werden. Mit Nürnberg als Lokomotive und gerne in der erweiterten Franken-Fassung mit dem etwas naiven Hinweis, dass die Bündelung vorhandener Ressourcen alleine bereits die halbe Miete sei. Eine weit gestreute Kultur-Landschaft, die von Würzburg (Residenz/Afrika-Festival) über Bayreuth (Wagner-Festspiele) und Bamberg (Weltkulturerbe/Symphoniker) bis nach Erlangen (Poeten & Comic) und Fürth (Klezmer) reichlich Kulisse für Spiegelungen der Gegenwart in Dürer-City einbringen kann.

„Ruhr.2010“ mag als Anstoß willkommen sein, ein Kopier-Modell ist es nicht, selbst wenn man den Franken-Schnellweg für ein Massen-Event sperren würde. Anders als im Umfeld von Essen, wo Groß-Kommunen auf Augenhöhe wie Bochum, Gelsenkirchen und Duisburg im Nahverkehrsnetz verbunden sind, kreisen um die Halbmillionen-Metropole Nürnberg selbst im Radius von 110 Kilometern viele kleinere, strikt eigendynamische Städtchen, von denen Würzburg, Erlangen und Fürth noch die größten sind. Ob sie, die soeben rundum in ihren Spar-Haushalten der Kultur das Überleben schwer machen, überhaupt bei einer Investition in dreistelliger Millionen-Höhe einsteigen, ist reine Spekulation. Auch wenn es gewichtige Stimmen gibt, die das Projekt sowieso weniger kulturell als wirtschaftlich begründen und auf positive Folgen für Image und Tourismus verweisen. Das größte Hindernis einer Bewerbung wird zunächst der Konkurrenzneid untereinander sein. Wer schon am politischen Willen zu gemeinsamen Verwaltungsakten scheitert und stadtübergreifende Traditions-Festivals noch nach Jahrzehnten in Frage stellt, der muss wohl erst mal Hausaufgaben machen.

Gibt es ihn überhaupt, den Drang zum gemeinschaftlichen fränkischen Kultur-Aufschwung 2018? Ein Dreisatz steht sperrig im Raum: Wollen wir, sollen wir, können wir? Noch vor der Grundsatz-Entscheidung, die wohl viel diplomatische Energie der Großen und unprovinziellen Ehrgeiz der Kleinen braucht, steht das Konzept auf der Tagesordnung. In welche Balance können die Elemente von innerer Dynamik und plakativer Außenwirkung gebracht werden? Da muss Nürnberg etwas vorlegen, was zunächst die fränkischen Wunschpartner überzeugt.

„Kulturstadt“-Erfolg gab es, seit 1985 Melina Mercouri in Athen den Reigen mit Improvisationskunst eröffnete, immer nur im Doppelschlag. Ein Programm, das die Bevölkerung vor Ort nachhaltig in Wallung bringen muss, aber eben auch originell genug für überregionale Vergleiche ist. Das Projekt hat Erotik, also geht es jetzt ums Vorspiel. Nürnbergs Rathaus-Politiker werden prüfen müssen, welche Chancen die Idee bei den Kollegen der Region und hierarchisch oben bei der Staatsregierung hat, denn ohne sichere Stütze von allen Seiten wird nichts draus. Wenn es 2011 nur bei inoffiziellen Absichtserklärungen bleibt, wird es der Anfang vom Ende eines Gedankenspiels, das vielleicht doch origineller ist als es auf den ersten Blick wirkt.

Seit dem Dürer-Jahr 1971 hatte Nürnbergs Kultur keine vergleichbare Chance, und erstmals seit Bestehen der Metropolregion könnte die Stadt ihre unausgesprochene Schrittmacher-Rolle entkrampft bestätigen und dabei den ganzen Städte-Großraum in wärmeres Licht setzen. Da lohnt es, die Überzeugungsarbeit zu beginnen. Ab morgen wäre gut! Dieter Stoll

 

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