Kultur Mit Hackebeil und Feudel

Wenn schöne Frauen schöne Dinge tun: Die Schauspielerinnen Katja Sieder (blond) und Astrid Meyerfeldt (braun) in Márton Illés Oper „Die weiße Fürstin“. Foto: Regine Körner

Das soll Avantgarde sein? Auch Márton Illés Oper „Die weiße Fürstin“ verwechselt wie schon die erste Premiere der Musiktheater-Biennale solides Stadtheater mit Zeitgenossenschaft

 

Laut pulsierende Blechbläser kommt in der Neuen Musik öfter vor. Als symphonischer Ausbruch pflegt dergleichen völlig ernst gemeint zu sein. Da überrascht es, wenn zu solchen Klängen frisch gebadete Fräuleins munter um ein Handtuch streiten.

Nach der geschmäcklerischen Lautréamont-Oper „Maldoror“ wirkte die zweite Novität der Biennale für Momente angenehm geerdet. Der Komponist Márton Illés dekonstruierte Rainer Maria Rilkes hermetisches Frühwerk „Die weiße Fürstin“ mit dem postmodernen Beilchen: Szenenanweisungen ließ er singen, manche Figur gab es zweifach und die Dialoge verteilte er ohne feste Rollen auf Sänger, Schauspieler und einen Männerkammerchor.

In Rilkes schwüler Vorlage erwartet eine sexuell unbefriedigte Adelige den Geliebten. Statt seiner aber kommen die Pest und der Sensenmann. Bei der Regisseurin Andrea Moses ging viel es lustiger zu: Bakterien wurden martialisch mit dem Feudel bekämpft und die Fürstin turnte in Unterwäsche auf dem Bühnenbalkon.

Fulminate Hauptdarstellerin

Astrid Meyerfeldt, „Tatort“-Darstellerin und schräge Primadonna aus Frank Castorfs legendärem Berliner Volksbühnen-Ensemble, legte die Hauptrolle als frech-komische Tante an. Erotischen Frust kühlte sie mit ihrer Freundin im das Meer vorstellenden Bassin, worin zuvor bereits der verklemmt stotternde UPS-Todesbote gelandet war.

Das ist jene Sorte Regietheater, die ranzig riecht. Und damit kommen wir zum Kern: Ein veralberter Rilke bleibt auch als postmoderner Hackbraten ein falscher Hase. Illés am Gesang wenig interessierte Musik half kaum wirklich weiter: Sie besticht durch dichte Klangeffekte. Nicht nur in einem wilden Klaviersolo neigt sie Konzertantem mehr als dem Musiktheater zu. Wenn zuletzt ein Bogen zum Anfang zurückgeschlagen wird, hat das gar nichts mehr mit avantgardistischer Diskontinutät zu tun: Es ist einfach nur halbherzig.

Für das koproduzierende Kiel ist die Aufführung gewiss eine nette Sache. Unsere Stadttheaterkultur in Ehren, nur: Großstadt-Kunst und Zeitgenossenschaft sehen selbst in München anders aus. Wie Forsythes 25 Jahre altes „Artifact“ beim Staatsballett etwa.

Robert Braunmüller

 

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