Kultur Mit Gott im Gepäck

Nicht immer so grimmig! Nils-Holger Bock als Johnny Cash. Foto: Komödie im Bayerischen Hof

Ab Dienstag in der Komödie im Bayerischen Hof: Das musikalische Theaterstück „Johnny Cash – The Man in Black“ erzählt das mythische Leben des amerikanischen Country-Sängers und Songschreibers.

 

Ein Junge aus Arkansas verliert bei einem Arbeitsunfall seinen Bruder, wird zum düsteren Star zwischen Country und Rock’n’Roll, rutscht ab in eine Parallelwelt der Drogen und wird von einer schönen Frau und mit Gottes Hilfe gerettet. Ergebnis: Eine Liebe bis zum Tod, und – metaphysisch gewendet – über ihn hinaus. Griffig, ergreifend, diese Kurzfassung des Lebens von Johnny Cash.

„Johnny Cash – The Man In Black“ heißt das „musikalische Porträt“, das ab Dienstag in der Komödie im Bayerischen Hof zu sehen ist. Nils-Holger Bock spielt den Sänger, Cornelia Corba dessen große Liebe June Carter. Anders als die in Berlin aufgeführte Musical-Produktion mit Gunter Gabriel in der Hauptrolle, ist „the Man in Black“ ein richtiges Theaterstück, das sogar älter ist als der erfolgreiche Hollywood-Biopic mit Reese Witherspoon und Joaquin Phoenix.

Nils-Holger Bock hat schon als Zwölfjähriger in einer Country-Band Cashs Songs gespielt, damals aber natürlich noch nicht gesungen. Später studierte er klassischen Gesang und verlor die populäre Musik ein wenig aus dem Fokus. Auch den Film „Walk The Line“ hat er sich erst angeschaut, nachdem er die Rolle angeboten bekam. Und beeindruckt hat ihn dort die Witherspoon (sie bekam für ihre Rolle einen Oscar) noch mehr als Phoenix’ Leistung.

DAS LEBEN

Was diesen Cash so spannend macht, ist eine Existenz mit Rissen, die den Blick in schwer auszuleuchtende Abgründe öffnen. Da ist der angeheiratete Stammbaum. Denn Cash nahm mit June ein Mitglied der Carter Family zur Frau. 1927 verankerte sich die erste Familienformation mit den ersten Aufnahmen im Gedächtnis Amerikas. Die Carters vereinten in sich das zukunftszugewandte kommende Countrystartum und den Zugang zur mündlich überlieferten Vergangenheit der Old Time Music und dem Sound der Appalachen.

Hört man, wie Cash kurz vor seinem Tod, U2s „One“, Nine Inch Nails „Hurt“ oder Nick Caves „Mercy Seat“, begreift man: Das sind keine Coverversionen. Hier greift einer in den Fundus der Popmusik und erzählt in seiner Überlieferungsgeschichte. „Ungeheuer bewegend“ findet Nils-Holger Bock vor allem „Hurt“, kein Wunder, dass bei den bisherigen Auführungen viele Tränen flossen. Aber der Mann, der seit über zwei Jahren den Cash auf der Bühne gibt, beschwichtigte: „Doch, doch, es gibt bei diesem Stück auch etliche Szenen zum Lachen.“

Verstörend, aus Sicht des immer stärker säkularisierten Europas, ist der Blick auf den Baptisten Cash, der den Fernsehprediger Billy Graham verehrt. Dessen fundamentalistische Erweckungsshows berühren heute eher unangenehm.

Bloß ist Cash ist in der Verbindung von eigenen Sünden und Hyperreligiosität kein Paradox: Wer sich auf ihn einlässt, sieht Amerika. San Quentin, Folsome Prison – Cash brachte den verlorenen Knastseelen sein Verständnis und seine Lieder über Mörder und Ausgestoßene.

Religion ist hier kein Wellnessprogramm, sondern der Schauder der Erlösung fährt einem erst bei ordentlicher Fallhöhe wirklich in die Knochen. Auch das ist eine Grundzutat der amerikanischen Volksmusik.

AUFERSTEHUNG

Wie hätte sich so ein Typ in der Pop-Welt der 80er einrichten sollen? Tabletten, Betty Ford, erfolglose Alben – Johnny Cashs Auferstehung begann erst 1994 mit seinem neuen Produzenten Rick Rubin. Der stellte diesen Alten im schwarzen Mantel des Rächers einem Indie-Publikum vor, das sich nach unbeugsamen Vaterfiguren sehnte. „American Recordings“ wurde eine Albenreihe, die tönend Zeugnis ablegt von den letzten Jahren dieses Mannes. Im letzten Jahr erschien „Ain’t No Grave“.

EWIGES LEBEN

Der Liebende, Scheiternde, Unbeugsame, Aufstehende, Abstürzende, Glaubende – die Cash-Figur ist so stark, weil sie immer wieder aus einer neuen Richtung erzählt werden kann. Das wird ihn auch weiterhin zu einem Kandidaten für die Musical-Bühne machen. Einem, der idealerweise den Soundtrack gleich selber geschrieben hat.

Für das Weiterleben hat der weise Cash persönlich gesorgt. Mit religiösem Arbeitseifer gesegnet, nahm er ab den 70ern in den eigenen House of Cash-Studios Song um Song auf. Die Veröffentlichung „Personal File“ von 2006 ist die erste Sichtung des Materials, aber sicher nicht die letzte. Nach dem Tod von June ließ sich Cash täglich in sein Studio geleiten: Diese tönenden Bänder sind sein magisches Vermächtnis.

Christian Jooß

„Johnny Cash – The Man in Black“: Premiere, Dienstag, 25.1., 20 Uhr. Danach täglich 20 Uhr (So, 18 Uhr). Karten: Tel. 29161633 oder Tel. 292810. Für die Premiere verlosen wir 5 x 2 Karten, wer gewinnen will, ruft am Montag, 12 – 12.05 Uhr, unter Tel. 2377 190 an

 

0 Kommentare