Kultur „Ich war nie älter als 12“

Kaum zu glauben: Der Kindskopf Hermann van Veen wird bald 65. Foto: Deutsches Theater

Der Liedermacher Herman van Veen hat eine beispiellose Karriere gemacht, die schon 45 Jahre dauert. Mit seinem neuen Programm „Im Augenblick“ kommt er ins Deutsche Theater

 

Sein erstes Kabarett „Harlekijn“ spielte er 1965 in Holland, mit dem Album „Ich hab’ ein zärtliches Gefühl“ hatte Herman van Veen 1973 seinen großen Durchbruch in Deutschland. Seitdem steht der niederländische Songpoet unermüdlich auf der Bühne. Seine neue CD heißt „Im Augenblick“, und mit dem gleichnamigen Tourneekonzert kommt er ab 24. Februar nach München.

AZ: Herr van Veen, was singen Sie außer den Liedern Ihrer neuen CD im Konzert?

HERMAN VAN VEEN: Das Programm heißt ja „Im Augenblick“ und hängt davon ab, was wir erleben und was passiert. Das hat Tagebuchcharakter, innerhalb eines Rahmens wechselt das Programm dauernd. Es ist sehr persönlich und individuell.

Wie sprechen Sie den Ablauf mit Ihren Musikern ab?

Über E-Mails und SMS, in der Art: Ich habe gerade das und das gelesen, und deswegen singe ich heute das und das.

Sie werden am 14. März 65. Wie alt ist das Kind in Ihnen?

Ich glaube nicht, dass ich je älter geworden bin als 12. Sagen wir so: Ich bin ein junger Mann von 12 Jahren mit viel Erfahrung.

Sie sind seit Jahren UNICEF-Botschafter und haben mehrere Organisationen gegründet, die sich für Kinder in der Dritten Welt engagieren.

Ich bin überzeugt: Wenn es den Kindern gut geht, geht es auch unserer Gesellschaft gut. 800 Millionen Kinder auf der Welt werden nicht älter als zehn Jahre. Kinder, denen es schlecht geht, sollten höchste Priorität haben – aber das geht nicht in unser Hirn. Wir haben den Satz „Lasset die Kinder zu mir kommen“ nicht verstanden. Wenn Kinder Rechte kriegen und haben, leben wir in einer anderen Welt. Aber wenn es nicht um die eigenen Kinder geht, ist das schwer zu vermitteln – ich versuche das Tag für Tag zu erklären. Das ist ein harter Kampf. Kinder können keinen Rechtsanwalt anrufen, das müssen wir für sie tun. Und solange die Kinder uns nicht vertrauen können, geht es uns nicht gut.

Wie helfen Ihre Organisationen konkret?

Mit kleinen Projekten, medizinischen Stationen, Schulen. Wir wollen mit wenig Geld die Leute unabhängig von fremder Hilfe machen. Denn Abhängigkeit von Hilfe ist eine umgedrehte Kolonisation. Man muss sich immer bewusst sein, was die Umstände für die Kinder bedeuten. Was bedeutet es für sie, wenn ein Krieg beginnt? Das fragen sich Erwachsene nicht, und das ist ein großes Missverständnis.

Sie sind Philosoph, Liedermacher, Entertainer, Autor und Maler. Welches Etikett würden Sie sich selbst geben?

Das weiß ich nicht, und es ist auch unwichtig. Ich habe einfach das gelernt, was ich brauchte, um mich ausdrücken zu können. Als meine Eltern starben, habe ich von einem Tag auf den anderen mit dem Malen angefangen. Ich nenne die Bilder Seelenabdrücke, sie sind sehr abstrakt und monochrom. Aber zu sagen, ich wäre ein Maler, wäre den Malern gegenüber unhöflich.

Sie arbeiten unermüdlich und sind viel unterwegs. Wie halten Sie den Stress aus?

Ich empfinde ihn nicht so sehr, weil ich ein sehr ruhiger Mensch bin. Das hat mit meinen Eltern zu tun. Sie haben ihr Leben den Kindern gewidmet, das hat mir eine glückliche Jugend beschert. Ich habe so viel Liebe kennengelernt, es gab Augen, die mich gesehen und respektiert haben, wie ich war. Das ist ein großes Glück. Anteilnahme und Interesse, das macht Liebe aus, und das ist die Basis von Ruhe und Frieden.

Hat sich Ihr Publikum in den letzten 45 Jahren verändert?

Ich staune immer: Es ist, als ob sich nichts verändert hätte. Die Hälfte meines Publikums von vor 30, 40 Jahren muss mittlerweile gestorben sei. Aber da sitzen immer so viele Menschen zwischen 18 und 80 mit Kindern und Enkeln – das ist ein großes Geschenk.

Wie erklären Sie sich Ihren anhaltenden Erfolg?

Ich weiß es nicht: Wir sind nicht kommerziell und nicht subventioniert, ich gebe kaum Interviews, wir treten nicht im Fernsehen auf und spielen auch nicht in den ganz großen Hallen. Aber ob in New York, London, Paris, Hamburg oder München – es ist immer voll.

Wollen Sie sich nicht mal entspannt zurücklehnen?

Solange ich noch lebe, habe ich keine Lust dazu. Liegen kann ich später noch genug. Ich kann nicht aufhören zu singen, und ich glaube, ich sterbe sofort, wenn ich aufhöre zu touren. Alle drei, vier Jahre gehen wir auf Tour um die ganze Welt, das ist mein Leben geworden.

Gabriella Lorenz

Deutsches Theater, 24. bis 28. Februar, 20 Uhr, So 19 Uhr, Karten Tel. 55234444

 

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