Kultur Gegen das Verstehen

Bei Tocotronic wird alles zum Statement. Foto: Label

Die klügste Band der Welt oder doch nur viel Geschwätz mit Breitwandsound? Tocotronic, die die deutsche Szene der 90er prägten wie keine andere Band, verabschieden sich vom Slogan-Rock

 

Wenn Tocotronic ein neues Album vorstellen, hält die deutsche Rockszene den Atem an. Die Band um den gebürtigen Badener, langjährigen Wahl-Hamburger und derzeit in Berlin lebenden Sänger und Texter Dirk von Lowtzow gehört wohl zum Bedeutendsten, was hierzulande je mit elektrischen Gitarren zu lärmen begann. Ihre Slogans aus den 90er Jahren („Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, „Digital ist besser“, „Wir kommen, um uns zu beschweren“) prägten eine Generation und gingen in den Sprachgebrauch ein wie sonst vielleicht nur bei den seligen Ton Steine Scherben in den 70ern. Seitdem löst jede Tocotronic-CD ein großes Raunen in den Feuilletons und kniefällige Exegese-Exzesse aus: Was wollen uns die Künstler bitteschön diesmal sagen?

Das neue Album „Schall und Wahn“ beantwortet alle Fragen endgültig nicht mehr mit Ausrufezeichen und vollendet damit eine Entwicklung, die mit „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (2005) und „Kapitulation“ (2007) begann – die „Berlin-Trilogie“ von Tocotronic ist nun komplett. Der Diskurs-Rock, wie man diese „Hamburger Schule“ in den 90ern nannte, diskutiert nicht mehr, er steht nun für sich selbst und lässt den Hörer entscheiden, ob er weiterdenken will oder eben nicht. Die Slogans („Keine Meisterwerke mehr“, „Stürmt das Schloss“) gibt es zwar nach wie vor, aber Slogan-Rock ist das nun nicht mehr.

Für den Bauch des Hörers

Somit werden Tocotronic weiterhin für die einen die klügste Band der Welt und für die andern Schwätzer mit fortentwickeltem Breitwand-Sound sein. Gleich zu Beginn flötet von Lowtzow zur orchestralen Begleitung: „Euere Liebe tötet mich / Auch wenn ihr bereut / Ich verzeihe euch nicht.“ Ja, geht’s noch, Herr von Rockstar?, möchte man rufen. Und was ist das eigentlich für eine Aussage in der lustig im Rumpel-Rock-Gewand daherkommenden ersten Single „Macht es nicht selbst“? – „Was du auch machst, mach es nicht selbst/ auch wenn du dir den Weg verstellst / Was du auch machst, sei bitte schlau / Meide die Marke Eigenbau.“ Von Lowtzow sagt dazu im „taz“-Interview: „Ach, das ,Verstehen’ wird sowieso überbewertet. Wird Musik verstanden? Nein, die treffsicherste Art, da ranzugehen, ist doch die Frage: Bringt das in mir etwas zum Schwingen? Gibt es eine Resonanz? Will ich dazu tanzen?“

Das will man gern, oder auch einfach nur ein bisschen mitsummen oder das Haupt, wenn nicht gleich die Faust schütteln, selbst wenn Tocotronic völlig albern werden („Bitte oszillieren Sie“) oder stellenweise beim Intro Velvet Underground verschlucken („Schall und Wahn“). Manchmal distelmeyert von Lowtzow etwas im süßlichen Schlager-Song-Bereich herum („Im Zweifel für den Zweifel“): „Im Zweifel für Verzärtelung und für meinen Knacks / Für äußerste Zerbrechlichkeit / Für einen Willen wie aus Wachs“, doch im Unterschied zum anderen großen Ex-Protagonisten der „Hamburger Schule“ sucht er nicht die Tiefe im Banalen, sondern bleibt ironisch und giftig: „Das Blut an meinen Händen ist von dir / Ich habe es nicht selbst vergossen / Ich war zu feige, zu verdrossen / Ich brauchte dich dafür“ (aus „Die Folter endet nie“).

So ist das neunte Album von Tocotronic, auf dem sich auch die zweite Gitarre von Rick McPhail endgültig in der Band etabliert, in vieler Hinsicht spannend: eine Rockscheibe, die in erster Linie den Bauch anspricht, aber dem Hirn alle Möglichkeiten offen lässt; ein Anti-Statement, das man von Tocotronic erwartet, aber das so doch nicht erwartet werden konnte.

Michael Grill

Tocotronic: „Schall und Wahn“ (Vertigo Berlin/Universal)

 

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