Kultur Fahrrad oder Rolls Royce?

Rudi Martini mit den vier Stones Charly Watts, Bill Wymann, Mick Jagger und Keith Richards (v.l.) bei der Gold-Verleihung 1973. Foto: Martini

Der Musiker Rudi Martini war mit der AZ im Rolling-Stones-Film „Shine A Light“ und erinnert sich an gemeinsame wilde Münchner Nächte.

Wir können Mick Jagger nicht verbrennen.“ Mit diesem Satz aus seiner Filmdoku „Shine A Light“ bringt Martin Scorsese den ganzen Saal zum Lachen. Auch Rudi Martini, der sich im Leopold-Kino die Hommage des Star-Regisseurs an die Rolling Stones anschaut. Mit denen verbindet der 67-jährige Schlagzeuger jede Menge persönliche Erinnerungen. „Das waren schöne und wilde Zeiten damals“, sagt Martini. Ganz nah dran war er an den Stones, wenn die in München waren. Näher war das wohl nur noch Uschi Obermaier.

Von 1972 bis 1980 arbeite Martini als PR-Manager für die Plattenfirma WEA, bei der auch die Stones unter Vertrag waren. „Charlie Watts kannte ich schon aus der Zeit, als ich ihn als Vertreter für Paiste für die Firma gewinnen konnte“, erzählt Martini. Für WEA begleitete er die Stones 1973 dann auf ihrer Deutschland-Tournee. Im selben Jahr durfte er der Band auch eine „Goldene Schallplatte“ für 100 000 verkaufte Exemplare überreichen. „Mick Jagger bestand darauf, dass ich das mache. Wir hatten richtig Freundschaft geschlossen“, sagt Martini.

Dass er damit nicht übertreibt, beweisen einige Stücke aus seiner umfangreichen Sammlung über die wilden Tage von früher. Darunter befindet sich auch noch die Kassette eines Anrufbeantworters, auf der Jagger mit angeschlagender Stimme zu hören ist. „Hallo, hier ist Mick. Wo bist Du, Rudi? Es ist 23 Uhr und ich bin im Hilton. Mr. Philips. Ich seh dich dann.“ Martini lacht: „Mr. Philips war immer sein Deckname in den Hotels.“

Ein weiteres Stück, für das die Stones-Fans der Welt Rudi Martini beneiden dürften, ist ein Foto, das er dann doch nicht zur Veröffentlichung freigeben wollte. Das Polaroid zeigt ihn schlafend auf einem Stuhl im Tonstudio. „Die haben mich total abgefüllt damals“, erklärt er. Signiert wurde das Foto von Keith Richards mit den Worten „All my work“. Die Macher des Buches „The Rolling Stones over Germany“ wählten das Zitat als Titel für eines der Kapitel über die anekdotenträchtige Beziehung zwischen Rudi Martini und den Stones.

Als Mick Jagger bei den Aufnahmen zu „It’s Only Rock’n’Roll“ plötzlich einen Konga-Spieler verlangte, erledigte Martini das kurzerhand selbst. Er hatte auch den Kontakt zu den Münchner Musicland-Studios hergestellt, in denen 1976 auch noch das Album „Black And Blue“ aufgenommen wurde. „Die Stones waren begeistert von München“, so Martini. „Aber im Hilton wollte man die langhaarigen Rocker anfangs nicht haben.“ Aber alle Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Die Stones verhielten sich vorbildhaft. „Abends um elf sind sie aufgestanden und wir sind essen gegangen. Danach meistens in irgendeine Disco und um vier Uhr morgens wurde dann das Studio aufgesperrt. Hin und wieder waren sie auch schon nachmittags wach. Dann wurde Tennis gespielt und später das Studio angesteuert.“

Gut erinnert er sich auch an die Party, die er zur Feier der Gold-Verleihung in der Waldwirtschaft veranstaltete. Für die Fahrt vom Flughafen Riem dorthin verlangte der Stones- Manager Peter Rudge von Martini fünf weiße Cadillacs. „Ich habe ihm geantwortet, dass wir arme Leute sind und ich ihm fünf weiße Fahrräder anbieten kann. Da ist der völlig ausgerastet“, erzählt Martini und schmunzelt.

Dann besorgte er den Stones fünf weiße Rolls Royce und Bentleys – alle mit uniformiertem Fahrer und einem Groupie am Rücksitz. Weil Martini mit der Organisation vor Ort beschäftigt war, übertrug er es einem Mitarbeiter, den Stones-Konvoi zur Waldwirtschaft zu geleiten. „Aber der fand den Weg nicht, die Autos irrten eine Stunde durch den Wald, bis ihnen eine alte Frau den Weg zeigte“, erinnert sich Martini.

Das wichtigste Ereignis im Zusammenhang mit den Stones, an dem Rudi Martini beteiligt war, folgte ein Jahr später. Als Gitarrist Mick Taylor überraschend seinen Ausstieg aus der Band bekanntgab, fragten die Stones auch Martini um Rat. Der hatte als WEA-Manager auch Kontakt zu den Faces, die wegen der Solo-Ambitionen von Sänger Rod Stewart gerade vor dem Aus standen. Martini schlug den Stones vor: „Nehmt Ron Wood. Das ist der einzige, der zu Euch passt!“ Und das hat bis heute Gültigkeit, wie der Film „Shine A Light“ beweist. Rudi Martini ist zufrieden: „Ron Wood sieht noch am ehesten wie früher aus.“ Dann lacht er kurz und fährt fort: „Aber der hat ja auch einige Jahre weniger in dieser Band auf dem Buckel.“

Persönlich getroffen hat Rudi Martini die Stones schon lange nicht mehr. Und auch das letzte Live-Konzert liegt schon mehr als zehn Jahre zurück. Aber von Scorseses Film ist er begeistert. „Das ist ein tolles Stück Musikgeschichte. Und die Jungs haben es immer noch voll drauf. Allein die Power, die Mick Jagger noch hat, da müssen die heutigen Jungstars viel üben.“

Georg Kleesattel

 

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