Kultur Er gehört zur Familie

Eins von Wallanders Gesichtern: Rolf Lassgård, der den Kommissar bis 2007 für das ZDF spielte. Foto: ZDF/Conny Klein

Mit Wallander geht ein schwedischer Kommissar in den Ruhestand, der einer von uns war: Henning Mankells provinzieller Antiheld hat uns 20 Jahre lang mit der Vernetzung der Welt konfrontiert

 

Keine falsche Zurückhaltung. Dieses Buch ist ein großer Wurf. Noch einmal. Denn nach ihm ist Schluss mit den Wallander-Krimis. Mit diesem mürrischen, stets kränkelnden, von Selbstzweifeln geplagten, aber genialem Schweden-Kommissar. Seine Fan-Gemeinschaft allein in Deutschland geht in die Millionen. Sie fieberte jedem neuen Band entgegen. Zehn in 20 Jahren. Einer spannender als der andere. Was will man mehr? Ja, einen elften Wallander. Den wird es nicht geben. Oder doch? Bei Kurt Wallander und seinem Autor Henning Mankell weiß man ja nie.

Seit das legendäre Autoren-Ehepaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö in den 70er-Jahren die Schweden-Krimis populär machte, hat es keinen so fesselnden Kommissar mehr gegeben wie Kurt Wallander. Es ist bei Mankell ein Dreiklang im Protagonisten Wallander, der die Krimis zum Klingen bringt: Seine zerrissene Persönlichkeit. Seine zäh-geduldige Polizeiarbeit. Und seine Fälle, die einen Bogen spannen von den Welt-Problemen zu den Kriminalfällen im Städtchen Ystad in der südschwedischen Provinz Schonen. Darum geht es auch im Jubiläums- und letzten Band „Der Feind im Schatten".

Er beginnt in Wallanders unmittelbarer Umgebung. Ein Mann verschwindet, kurz darauf auch dessen Frau. Die beiden sind die Schwiegereltern von Wallanders Tochter Linda. Diese schien, nach einem – in den Krimis gut zu verfolgenden – ungestümen Leben endlich einen sicheren Hafen anzulaufen, mit Mann und Kind. Die rätselhaften Vorgänge sind aber, das stellt sich heraus, keine Familientragödie.

Globale Zusammenhänge

Dahinter stecken – typisch für Mankells Wallander – auch wieder große global-geschichtliche Zusammenhänge. Die Frage, die der Kommissar immer wieder sich und seinen Kollegen stellt: „Was geschieht eigentlich in diesem Lande?" (und die auch Sjövall/Walhöös Kommissar Beck umtrieb) führt ihn auch in neuesten Fall zu der Antwort, den Antworten.

Die historischen Wurzeln des Falles gehen auf Anfang der 80er Jahre zurück. Damals tauchten in den Gewässern vor Schweden plötzlich fremde U-Boote auf. Die Marine fing an, die Eindringlinge zu jagen - ohne Erfolg. Die Schweden bekamen sie nie zu sehen, nie zu fassen.

Trotzdem war die vorherrschende Meinung, wir befinden uns schließlich im Kalten Krieg, dass es sich um russische U-Boote handeln müsse. Selbst ein Untersuchungsbericht, der vom später ermordeten Ministerpräsidenten Olof Palme in Auftrag gegeben worden war, brachte diesen Beweis nicht. Aber 30 Jahre später sollte das Ereignis, das für monatelange Schlagzeilen auch in deutschen Blättern sorgte, zur Grundlage von Wallanders zehntem Fall werden.

Richtige Hinweise und falsche Spuren

Und Henning Mankell konstruiert eine wunderbar verwickelte Geschichte aus Verschwörungstheorien, späten Rachemotiven, Aktivitäten von Ex-Stasi-Mitarbeitern, Spionage, Spuren, die in die USA führen und doch auch nicht. Es ist die typische Mankell-Melange aus richtigen Hinweisen, falschen Spuren und Elementen, die mit dem Fall überhaupt nichts zu tun haben, was sich aber oft erst viele, viele Seiten später herausstellt.

Der Fall kann, wie in den neun Bänden zuvor, vom Leser nicht gelöst werden. Obwohl er bis ins kleinste Detail in den Ermittlungsstand des Kommissars Wallander und seiner Kollegen eingeweiht ist; er zum Beispiel weiß, dass die getötete Frau in der Wahrnehmung von Ehemann und Sohn einen sehr unterschiedlichen Charakter hatte. Dass ein paar ordentlich neben die Leiche gestellte, nagelneue Schuhe eine Rolle spielen.

Nein es ist kein Puzzle. Ein Puzzle kann man zusammen bauen, mit Geduld lösen. Nicht so die Fälle Wallanders. Ihnen ist gemeinsam – und das trägt zur Spannung bei – dass sie stets aus heiterem Himmel geschehen. Dass es zunächst, auch für die Polizisten, keinerlei Hinweise auf die Hintergründe der Tat gibt.

Spannungsbogen

Es ist auch die bis ins Detail geschilderte Ermittlungsarbeit, die einen großen Spannungsbogen aufbaut. Zeugen, die Wallander immer wieder ihre Aussagen wiederholen lässt, bis doch noch ein neues Indiz auftaucht. Spuren, die zunächst gar nichts mit dem Fall zu tun haben – bis sie sich doch als wichtig entpuppen. Und dann sind da noch die Schrullitäten des alten Schweden (er ist im letzten Band fast 60 Jahre alt).

Der Stammleser nimmt an ihnen und seiner Entwicklung Anteil – auch wenn sie einem nicht sympathisch sind. Das sind sie ja nicht einmal Henning Mankell: „Ich denke nicht, dass wir Freunde würden. Er hat eine Menge Charakterzüge, die ich so ganz und gar nicht mag. Die Art wie er Frauen behandelt, zum Beispiel. Oder wie er mit sich selbst umgeht: Er isst schlecht, er trinkt zu viel, und er interessiert sich für meinen Geschmack zu wenig für Politik." Und trotzdem stehen seine Fälle in sechs Millionen Exemplaren in deutschen Bücherregalen. Trotzdem gibt es unzählige Wallander-Verfilmungen mit inzwischen drei verschiedenen Kommissar-Darstellern – von denen aber keiner an das Original heranreicht.

Michael Heinrich

Henning Mankell: „Der Feind im Schatten“ (Zsolnay, 592 Seiten, 26 Euro)

 

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