Kultur Der Stehplatz als Schule

Lukas Beikircher, geboren 1970 in Bruneck. Er studierte in München und Dresden und war Kapellmeister in Braunschweig, den Niederlanden und am Theater Darmstadt. Foto: Lioba Schöneck

Der Dirigent Lukas Beikircher über prägende Jahre in seiner Heimatstadt München, Zäsuren am Theater und die Notwendigkeit, Rossini am Gärtnerplatz auf Italienisch singen zu lassen

Der Tenor Jonas Kaufmann war auf dem gleichen Münchner Traditionsgymnasium eine Klasse über ihm. Nun kehrt Lukas Beikircher als kommissarischer Chefdirigent und Erster Kapellmeister ans Gärtnerplatztheater seiner Heimatstadt zurück. Rossinis „L’Italiana in Algier ist heute seine erste Premiere.

AZ: Herr Beikircher, sind Sie ein echter Münchner?

LUKAS BEIKIRCHER: Leider nicht ganz: Ich bin in Bruneck geboren und habe deshalb einen italienischen Zweit-Pass, der mich vor der Bundeswehr bewahrt hat. Aufgewachsen bin ich in Zorneding.

Wo haben Sie Ihre erste Oper gesehen?

Mit fünf oder sechs Jahren hier am Gärtnerplatz den „Freischütz“. Später war ich ein fanatischer Stehplatzler in der Staatsoper. Die Lehrer am Wilhelmsgymnasium haben mich immer rausgelassen, damit meine Wartenummer beim Anstehen an der Kasse nicht verfällt.

Was waren damals Ihre Lieblingsdirigenten?

Vor allem Carlos Kleiber – für mich der genialste aller Dirigenten. Sein Klang war einmalig. Auch französische Orchestermusik unter Sergiu Celibidache bei den Philharmonikern fand ich irre. Es hat mir viel gebracht, das Opernrepertoire im Nationaltheater kennenzulernen und zu beobachten, mit welcher Meisterschaft Wolfgang Sawallisch die Sänger begleitet hat.

Stammen Sie aus einer musikalischen Familie?

Mein Onkel Konrad Beikircher ist im Rheinland als Musikkabarettist eine Institution. Mir gefallen auch seine witzigen Konzertführer gut. Mein Bruder ist Geiger, der andere hatte als Doktor der Physik nach zehn Jahren keine Lust mehr, hinter dem Computer zu sitzen. Er singt jetzt im Chor der Bayerischen Staatsoper. Nebenbei forscht er weiter über Solarenergie. Unsere Frauen sind übrigens alle Musikerinnen.

Sind Sie als Dirigent bei Rossinis „L’Italiana in Algeri“ mehr als ein Verkehrspolizist?

Diese Musik ist für Dirigenten und Orchestermusiker zugleich undankbar und schwer. Es reicht nicht, Rossini herunterzuschlagen, weil man den Sängern flexibel folgen muss. Was spontan wirken soll, braucht sorgfältige Proben.

Warum wird gegen den Hausbrauch italienisch gesungen?

Weil es um Klassen besser klingt. Die vielen Plapperstellen in den Ensembles müssten wegen der vielen Konsonanten im Deutschen im halben Tempo gebracht werden. Das würde den Esprit der Musik umbringen. Das Italienische ist ein wichtiges Parfüm. Seit es Übertitel gibt, halte ich Aufführungen in der Originalsprache für die bessere Lösung.

Wie funktioniert ein Haus ohne Chefdirigent?

Die Planungen für diese und die nächste Spielzeit sind weitgehend abgeschlossen. Sie tragen die Handschrift des verstorbenen David Stahl. Ich übernehme Vorstellungen von Puccinis „Madame Butterfly“ und „La Bohème“, die er hätte dirigieren sollen. Dann kommt ein neuer Intendant.

Haben Sie schon mit Ernst Köpplinger gesprochen?

Nein. Mein Vertrag läuft für zwei Jahre. Ein Intendantenwechsel ist überall eine Zäsur. Manche übernehmen das bisherige Team, andere kommen mit einem neuen. Rein juristisch ist das bei Sängern und Dirigenten so: Bis zum 15. Oktober muss einem mitgeteilt werden, ob der Vertrag für die folgende Spielzeit verlängert wird. Aber es ist für alle Beteiligten angenehmer, das vor dem Stichtag zu wissen.

Robert Braunmüller

Premiere heute, 19.30 Uhr. Auch am 21 und 27. 1. sowie im Februar. Karten: Tel. 21 85 19 60

 

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