Kultur Der kleine Eisberg

Peter Maffay, eine deutsche Rocklegende, hält die Zeit reif für ein Resümee seiner Arbeit. Foto: dpa

Vierzig Jahre ist es her, als Peter Maffay mit "Du" seinen Durchbruch feierte. Im Gegensatz zu den Scorpions denkt der Deutschrocker noch lange nicht ans Aufhören.

 

Anlässlich seines Bühnenjubiläums erscheint morgen die CD "Tattoos", auf der Maffay seine grössten Hits mit einem Orchester neu einspielte. Am 25. November stellte er das Album mit dem Philharmonic Volkswagen Orchestra in der Münchner Olympiahalle vor.

AZ: Herr Maffay, woher kam die Idee für "Tattoos"?

PETER MAFFAY: Auf einzelnen Konzerten spielten wir bereits mit einen Orchester, aber diese Zusammenarbeit ist auch immer eine Kostenfrage und ein logistisches Problem. Zu den sieben Männern, die wir sind. kommen ja noch 40 dazu, und deswegen liessen wir früher die Finger davon.

Wie verlief die Zusammenarbeit mit dem Orchester?

Wir überlegten uns zuerst, wie dieses Album akustisch aussehen sollte. Dann wurde es mit Peter Hinterthür, einem uns bekannten Arrangeur, umgesetzt. Mit ihm besprachen wir die Songs und bestimmten deren markante Eckpunkte. Als wir mit seinen Vorschlägen zufrieden waren, begann er die Partitur zu schreiben. Am Ende verwendeten wir aber nicht mal die Hälfte der Orchestermusik.

Warum?

Das war uns zuviel Zuckerguss. Das Orchester soll nicht die Band bestimmen, sondern uns am besten etwas beifügen, was wir im Studio nicht erzeugen können.

Mussten Sie ihren Arrangeur bremsen?

Bei "Eiszeit" passiert ja bis zur Hälfte gar nichts und dann bekommt das Orchester seinen Part, so dass man hört, was die anzubieten haben. Ich freu' mich dann immer, wenn das Schlagzeug reinkommt und endlich die Gitarren wieder da sind. Wir hätten die Geigen bei "Eiszeit" schon von vornherein haben können. Aber dann wird die Aussage, dass die Erde bricht, überdeckt. Deswegen wollten wir auch richtig dissonante Arrangements mit einem abrupten Downpart, der eine apokalyptische Stimmung erzeugt.

Wie gross sind denn Ihre Klassikkenntnisse?

Ich spielte als Kind sieben Jahre lang Geige. Heute weiss ich bestenfalls noch, wie man sie hält und vielleicht brennbares Material daraus macht. Im Auto oder beim Entspannen höre ich aber gerne klassische Musik. Ich besitze zudem noch eine komplette Haydn-Schallplattensammlung.

Sie touren mit dem Philharmonic Volkswagen Orchestra. Haben Sie kein Problem mit dieser Form von Product-Placement?

Wenn ich meine Seele an Volkswagen verkaufen würde, also Gegenleistungen erbringen müsste, die nicht mit meiner Haltung kompatibel sind - dann müsste ich sagen: Sorry, so geht das nicht. Das ist aber absolut nicht der Fall. VW unterstützt uns bei den Orchesterkosten, und das hat zur Folge, dass die durchschnittlichen Ticketpreise für unser Publikum erschwinglich bleiben.

Haben Sie jetzt zur Jubiläumstour Ihren Frieden mit der Schlagerzeit gemacht?

Auf Konzerten spielte ich diese Songs lange nicht, weil ich die Schnauze voll davon hatte, immer auf die Vergangenheit angesprochen zu werden. Deswegen hörte ich irgendwann auf, Lederhosen zu tragen. Denn wenn ich in Jeans auf der Bühne stand, musste ich in der Zeitung lesen, dass es doch eine Lederhose war. Wahrscheinlich hätte ich in Halbschuhen auftreten können, am Ende wären es doch wieder Cowboystiefel gewesen. Das konnte ich alles nicht mehr hören. Und jetzt sage ich: Na und.

Spüren Sie auch, dass das Musik-Business härter geworden ist?

Auf jeden Fall. Die wirtschaftliche Grundlage von früher gibt es einfach nicht mehr. Man muss heute andere Konzepte entwickeln, um erfolgreich zu sein. Sehr oft heisst das live spielen, was für viele die einzige Möglichkeit ist, etwas zu verdienen. Und wenn man erfolgreich ist, potenziert sich das. Dann kommen Anfragen für Sampler, oder jemand will dich für ein Festival buchen. Aber es hört schon damit auf, wenn einer einen Hit schreibt und eigentlich aus diesem Hit nichts mehr verdient. Der wird heruntergeladen - und das war's.

Bei vielen Newcomern ist die Musik nur ein Nebenerwerb. Führt das langfristig zu einer Entprofessionalisierung?

Dadurch entsteht eine Profillosigkeit. Wenn man sich diese Castings anschaut - Kleider, Frisur, Attitüde sind völlig gleichgeschaltet. Dabei war Mode einmal ein Mittel, um Individualität zu zeigen. Und jetzt ist Mode nur noch ein Diktat. Wenn man nicht so daherkommt, wie man auszusehen hat, ist man nicht dabei.

Entwickelt sich deswegen auch eine wachsende Sehnsucht nach gestandenen, individuellen Musikern wie einem Udo Lindenberg?

Freunde kommen zu mir und sagen: "Hör auf zu meckern, sei froh, dass du damals angefangen hast und nicht heute anfangen musst." Die Eisberge kommen einfach nicht mehr zurück. Wenn man so will, sind Udo L. und Udo J. Eisberge und ich bin möglicherweise auch einer, der auf 1,68 Meter geschmolzen ist.

Würden Sie unter den heutigen Bedingungen einen anderen Beruf ergreifen?

Nein. Musiker zu sein, ist ein toller Beruf mit wunderbaren Möglichkeiten, aber der Gegner, gegen den man boxt, ist muskelbepackt. Wenn der hinlangt, sollte man wissen, wie man dem Schlag ausweicht. Und heute ist es so, dass viele beim ersten richtigen Schlag umfallen. Eines hat diese Herausforderung aber für sich. Wenn es einer schafft, ist er wirklich gut. Bestes Beispiel ist Xavier Naidoo. Ob man seine Stilistik mag, sei dahingestellt, aber man sieht doch: Der kann das - und weil das so ist, ist er erfolgreich.

Florian Koch

 

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