Künstler und Mächtige Kunstloser Wahlkampf

Imagepflege modern: Kabinenbesuch der Kanzlerin bei der Nationalelf 2010. Foto: dpa

Die Zeiten, in denen sich die Künstler für Parteien einsetzten, scheinen vorbei zu sein, die Politiker suchen lieber den Fußball

Vor drei Jahrzehnten – im Winter 1983, tingelte die Grüne Raupe durch die Republik – rund 60 Künstler von Udo Lindenberg bis Konstantin Wecker: um Wahlkampf für die Grünen zu machen. Konzertveranstalter Fritz Rau hatte das Spektakel aus Musik und politischen Reden organisiert, erfolgreich, denn die Grünen zogen mit 5,6 Prozent der Stimmen ins Bonner Parlament ein. Es war die größte Einmischung der Künstler in die Politik seit den Tagen, als Günter Grass für die SPD kämpfte, gemeinsam mit Schauspielern, Autoren und Prominenten bis hin zu Hans-Joachim Kulenkampff. Grass allerdings meinte später sogar, Kanzler Willy Brandt die politischen Richtlinien vorgeben zu müssen, wie der in diesem Jahr veröffentlichte Briefwechsel dokumentiert.

Kohls Verhältnis zu den Künsten blieb blass, Gerhard Schröder hingegen lud zumindest regelmäßig Schriftsteller ins Kanzleramt, zwischenzeitlich galt Moritz Rinke als so etwas wie der Dramatiker der Berliner Republik. Und die Scorpions waren seine Hauskapelle.

In Bayern war das Verhältnis zwischen Politik und Künstlern lange unentspannt und entlud sich bisweilen in Hasstiraden führender CSU-Politiker auf das „linke“ Künstlermilieu. Künstlerische Schwergewichte wie Josef Bierbichler, Herbert Achternbusch oder Franz-Xaver Kroetz sorgten regelmäßig für die schönsten Eklats.

Unvergessen blieb Bierbichlers Auftritt in „Gust“ 1985 im Staatsschauspiel: „Der letzte Terrorist ist mir lieber als der erste von der CSU.“ Der Satz stammt zwar von Gust, Achternbuschs Großonkel, aber das konnte die CSU nicht beruhigen. Intendant Frank Baumbauer hielt sich nicht mehr lange. Der Regisseur Werner Schroeter wollte gar FJS ein „Bömbchen in Form einer Weißwurst“ servieren. Daraufhin war er die Regie der „Salome“ von Richard Strauss am Theater Augsburg los. Der Künstler als Rebell und Anarchist gegen die Staatsgewalt – diese Rolle war in Bayern noch viel länger populär als im Rest der Bundesrepublik.

Christian Ude konnte sich immerhin in seinem ersten Wahlkampf ums Münchner Rathaus 1993 auf große Unterstützung der hiesigen Kunstszene verlassen. Und als sich Uschi Glas für Peter Gauweiler engagierte, bekam sie per Zeitungsanzeige die Retourkutsche vom damaligen Hallenguru Wolfgang Nöth: „Ich bin für Christian Ude, weil Uschi Glas für Peter Gauweiler ist.“ Ein Kultspruch, damals. Künstler, die sich offen für die Konservativen einsetzten, blieben Mangelware.

Als im Mai beim Parteikonvent der CSU im Postpalast ein von Regisseur Josef Vilsmaier für die Partei zusammengeschnittener Film lief, sahen das manche Neider aus der Filmbranche auch als Dankeschön des Regisseurs für die Unterstützung seiner Kinofilme durch die bayerische Filmförderung, den FilmFernsehFonds Bayern. Doch der entscheidet keineswegs nach angeblichen politischen Vorlieben und unterstützt beispielsweise ebenso den Film „Der blinde Fleck“ über das Oktoberfestattentat, das Franz Josef Strauß in ein unvorteilhaftes Licht rückt.

Die Liste der Künstler, die sich für Ministerpräsident Seehofer einsetzen, ist sehr überschaubar. Leslie Mandoki stünde da, der Ex-Dschinghis- Khan-Sänger und Jazztrommler komponierte 2009 der CDU den Wahlkampf-Song „Wir sind wir“, spielte auf Edmund Stoibers 70. Geburtstag mit seinen „Soulmates“ und kandidiert nun selbst für den bayerischen Landtag.

Doch schwärmen kann Seehofer über Künstler schon. Und wenn sie sich nicht freiwillig in den Dienst der CSU stellen, muss man sie halt in Lohn und Brot nehmen: Ganz begeistert zeigte er sich nach dem Dreh seines TV-Wahlspots und berichtete, dass ihn Regisseur Hans Steinbichler für sein „authentisches Auftreten“ vor der Kamera gelobt habe. Doch ob der radikale Heimatfilmer („Hierankl“), dem Seehofer 2011 den bayerischen Filmpreis verlieh, nun mit dem Ministerpräsidenten Seehofer oder Bierbichler mehr Arbeit am Set hatte, muss unbeantwortet bleiben. Er habe – wie bei Werbedrehs üblich – eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben, teilt Steinbichler mit.

Das Wahljahr 2013 jedenfalls scheint fast ohne Einmischung der Künstler auszukommen. Seit Merkel spätestens im Sommer 2006 ihre mädchenhaft-naive Leidenschaft für den Fußball entdeckte, ist der Sportler an die Stelle des Künstlers getreten. Fußball als größter gemeinsamer Nenner einer Nation übertrifft in der Außenwirkung jeden noch so populären Sänger oder Schauspieler. Kaum ein Politiker verzichtet deswegen auf Stadionauftritte, Sympathiebekundungen für seinem Heimatverein oder nervige Fußball-Metaphorik bei Reden und Auftritten in den TV-Talkshows. Der kritische Künstler als Wegbegleiter hat ausgedient.

OB-Kandidat Dieter Reiter allerdings wird seinen Versuch, von der Popularität des FC Bayern zu profitieren, sicherlich noch lange verfluchen.

 

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