Kritik an Bezügen Managergehälter: Der Preis der Gier

BERLIN Plötzlich sind alle entrüstet über die Manager. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle will die Rechte von Aktionären stärken, nachdem die Schweizer für mehr Mitsprache bei den Managergehältern gestimmt haben. Politiker der Union finden das Schweizer Votum richtungweisend, auch Vize-Fraktionschef Michael Fuchs kann sich eine ähnliche Regelung wie bei den Eidgenossen vorstellen.

 

Das 400-Fache eines Facharbeiterlohnes ist zu viel. Wie viel Lohn ist bei einem Spitzenmanager angemessen? Das 400-Fache eines Facharbeiterlohnes sicher nicht – dies sah zuletzt VW-Vorstandschef Martin Winterkorn ein. Nach den Vergütungsregeln des Pkw-Herstellers hätte er für 2012 eigentlich 20 Millionen Euro kassieren müssen. „Bei allem Erfolg des Konzerns können die Steigerungen nicht ins Uferlose weitergehen“, konstatierte Winterkorn selbstkritisch und kündigte den Verzicht auf einen Teil des Gehalts an. Auch so muss er allerdings nicht darben. Mit 14,5 Millionen Euro fällt seine Vergütung für 2012 immer noch ansehnlich aus.

Der Vergleich mit den Bossen in den USA treibt die Ansprüche. Ist auch das noch zu viel? Winterkorn vergleicht sein Einkommen wahrscheinlich nicht mit dem eines VW-Werkers am Band, sondern mit Managerkollegen auf internationaler Ebene. Und da kann ihm der blanke Neid kommen: Gehälter ab 30 Millionen Dollar sind in den Vereinigten Staaten keine Seltenheit, und in der Schweiz erregte die ursprünglich Abfindung des scheidenden Novartis-Chefs Daniel Vasella (72 Millionen Franken) den Volkszorn. Vasella hatte zuvor von 1996 bis 2010 bei Novartis 300 Millionen Euro verdient.

Doch seit der Finanzkrise ist vieles anders – auch in den Vorstandsbüros der deutschen Aktiengesellschaften. Der Chef der teilverstaatlichten Commerzbank, Martin Blessing, musste sich mit einem Jahressalär von 500000 Euro begnügen – mehr sei dem Steuerzahler nicht zuzumuten, entschied die Bundesregierung. Der Deckel auf dem Gehalt dürfte Blessings Bestreben, die Staatshilfen möglichst schnell zurückzuzahlen, angefacht haben. 2012 stieg sein Grundgehalt schließlich um 160 Prozent auf 1,3 Millionen Euro, dazu kamen Boni.

Elf Prozent Steigerung 2010, 6,8 Prozent im Jahr 2011. Aber spektakuläre Beschränkungen wie für Blessing sind die Ausnahme – auch in der Krise. 2011 stiegen die Managergehälter der 1400 größten Aktiengesellschaften in Deutschland um 6,8 Prozent. Die Unternehmensberatung Kienbaum errechnete, dass ein Chef eines Dax-Konzerns in diesem Jahr im Schnitt gut fünf Millionen Euro bekam, 400000 Euro mehr als im Jahr zuvor. Viele einfache Beschäftigte mussten zu dieser Zeit Reallohneinbußen hinnehmen. 2010 waren die Gehälter der Bosse sogar um elf Prozent gestiegen. Zahlen wie diese bringen nicht nur Geringverdiener in Rage.

Mittelständler können nicht mehr mithalten.  Auch die Eigentümer von mittleren und kleinen Firmen fordern, dass sich Manager bescheiden – sie können im internationalen Wettbewerb um Führungskräfte schlicht nicht mehr mithalten. Deswegen will beispielsweise Ulrich Grillo, der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Höchstgrenzen. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sorgt sich um den Ruf der Wirtschaftselite: „Ich habe kein Verständnis für gewisse extreme Gehalts- beziehungsweise Abfindungsregelungen.“ Auch die Mitglieder der 2001 von der Regierung eingesetzten Kommission Corporate Governance Kodex plädieren für Mäßigung. Spitzengehälter von mehr als zehn Millionen Euro seien eine Gefahr für das Ansehen der deutschen Wirtschaft. Die Kommission war im September 2001 vom Bundesjustizministerium eingesetzt worden.

Bisher wehrte sich Berlin aber gegen gesetzliche Regelungen. Das Argumente der Gegner: Deutschland dürfe gegenüber dem Ausland nicht ins Hintertreffen geraten, was die Eignung seiner Führungskräfte angeht. Und juristisch sei ein Gehaltsdeckel sowieso undenkbar. Schließlich bestehe für Manager und ihre Arbeitgeber Vertragsfreiheit.

Der Vorstandschef, das unzähmbare Wesen? Das Europaparlament führte Deutschland jetzt vor, dass es eben doch geht: Überhöhte Bonuszahlungen an Spitzenbanker werden künftig gedeckelt – trotz wütender Proteste aus der Londoner City, wo hochspezialisierte Finanzjongleure seit jeher um die wahnwitzigsten Extra-Zahlungen wetteifern. Doch ihre Argumente ziehen seit der Finanzkrise nicht mehr. Im internationalen Wettbewerb um die besten Kräfte hatten Großbritanniens Banken (und die Londoner Ableger der deutschen Kreditwirtschaft) mit ihren Bonussystemen eigentlich die Nase vorn – die Finanzkrise hat diese nicht verhindert.

Als Beraterhonorare verkappte Schutzgeldzahlungen. Aber selbst mit dem künftigen Gehaltsdeckel dürften Juristen der Banken dafür sorgen, dass die Topmanager finanziell weiter auf Rosen gebettet werden, ohne dass dies auf den ersten Blick auffällt. Pensionszusagen, Aktienoptionen, Gehaltsbestandteile, die an bestimmte Bilanz-Kennzahlen geknüpft sind – die Tricks und Kniffe sind unendlich. Besonders beliebt sind hohe Zahlungen nach dem Ausscheiden aus dem Unternehmen: Angeblich „Beraterhonorare“, tatsächlich aber Schecks, die verhindern sollen, dass die Ex-Führungskraft ihr Wissen an die Konkurrenz verkauft.

Klüngelrunden zwischen Aufsichtsrat und Vorstand. Daniel Vasella hat vorgemacht, wie die Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt werden kann: Er installierte bei Novartis einen so genannten „Vergütungsbeirat“ – angeblich, um für Transparenz zu sorgen. An der Spitze des Beirates stand – Daniel Vasella. Im trauten Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat (dessen Vergütung während Vasellas Regentschaft ebenfalls stieg), beschloss Vasella sein Salär. Eine Hinterzimmer-Taktik, die selbst eingefleischten Liberalen gegen den Strich geht. Gehalts-Klüngelrunden in den Unternehmen seien eine „Grauzone“, ärgert sich beispielsweise FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.

Brüssel formuliert einen neuen Gesetzesentwurf. Jetzt allerdings, nach dem Siegeszug des Schweizer Mittelständlers Thomas Minder, stehen die Chancen hoch, dass der Gesetzgeber doch nachhaltig in das Selbstbedienungssystem in den Chefetagen eingreift. Die EU-Kommission will bis Ende des Jahres eine Gesetzesinitiative vorlegen, die sich an Minders Reform anlehnt. Federführend ist EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier. Auch auf europäischer Ebene sollten Aktionäre in die Verantwortung für die Vergütungen genommen werden, sagte gestern ein Sprecher Barniers. Aus Berlin kommt Zustimmung – allerdings nur sehr vorsichtig. „Das erscheint uns unterstützenswert“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Anders als zuvor Rainer Brüderle, der „noch vor der Bundestagswahl Zeichen setzten“ wollte, signalisierte Seifert aber Vorsicht: In der international vernetzten Wirtschaft sei es eher ratsam, auf europäische Initiativen statt auf nationale Alleingänge zu setzen, stellte er fest.

Die Opposition dagegen drängt auf rasche Signale. Grünen-Finanzpolitiker Gerhard Schick forderte „stärkere Regeln gegen Gehaltsexzesse“, Linken-Parteichefin Katja Kipping rechnet vor: „Dass ein Dax-Vorstand 54 mal so viel verdient wie ein Angestellter, ist sachlich durch nichts als Gier zu begründen.“ In die gleiche Kerbe schlägt SPD-Fraktionsvize Joachim Poß und teilte gleich noch einen Seitenhieb in Richtung Anteilseigner aus: „Viele Aktionäre sind renditegetrieben. Das sind Investoren, Hedgefonds, deren Geschäftsmodell von den perversen Boni bestimmt wird.“ sun

 

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