Krise an den Münchner Kammerspielen Brigitte Hobmeier verlässt die Kammerspiele

Eine freie Radikale: Die Schauspielerin Brigitte Hobmeier als Herbert Achternbuschs „Susn“. Am 26. und 28. Dezember wird die Aufführung wieder gespielt. Foto: Arno Declair

Brigitte Hobmeier geht am Ende der Saison, und die Kammerspiele bewegen sich weiter in Richtung gehobenes Laienspiel

 

MÜNCHEN - Einst war es ihr erklärtes berufliches Ziel und künstlerischer Traum, ein Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele zu sein, bis sie 2005 Frank Baumbauer an die Maximilianstraße holte. Im Frühjahr 2017 wird sie gehen. Sie habe die Chance, Entscheidungen selbst in die Hand zu nehmen, erklärte die Schauspielerin gestern, „und ich habe mich entschieden: Ich bleibe nicht“. Zu den Gründen gehöre, dass „ich mich etwas unterfordert gefühlt habe“.

Wer sich nicht nur mit dem Spielplan und seiner künstlerischen Umsetzung beschäftigt, weiß, dass sie damit nicht nur die Zahl der Auftritte meint. Am vergangenen Wochenende hatte sie mit der einstündigen Hochgeschwindgkeits-Textcollage „Re’Search“ in Kammer 3 eine Uraufführung. Obwohl sie dort nur eine von drei gleichberechtigten und namenlosen Kunst-Figuren ist, zeigt sie souverän, dass sie auch das Performance- und Diskurstheater kann. Das hatte mit der vorigen Saison Intendant Matthias Lilienthal aus Berlin mitgebracht, um unter den Bergvölkern Oberbayerns das zeitgenössische Theater zu missionieren.

Das in der vergangenen Woche bekannt gewordene endgültige Scheitern des Houellebecq-Doublefeatures „Plattform/Unterwerfung“ ist, da hat Lilienthal in einer Stellungnahme recht, ebenso normal wie eine Profi-Akteurin, die ihren Arbeitgeber wechselt. Aber von Frank Baumbauer eingeleitete und durch Johan Simons empfindsam weiter geführte Öffnung der Kammerspiele über das traditionelle psychologische Erzähltheater hin zu einem gut sortierten Kaufhaus der gesellschaftlichen Meinungen stößt an Grenzen.

Selbst solche Leuchttürme der internationalen freien Szene wie Gob Squad oder Rimini-Protokoll – vom Münchner Publikum seit Jahren mit ihren Gastpielen überall in der Stadt geschätzt – gehen dort unter, wo nicht ausschließlich Authentizität zählt, sondern auch etwas, was als obszön altmodisch gilt: Handwerk.

Und das heißt im Wesentlichen: Sprechen können und den Körper beherrschen. So wird seit dem Jahr 1 Lilienthal daran gearbeitet, eines der bedeutendsten Schaupielhäuser Europas, vielleicht sogar der Welt, niedlich zur engagiertesten Laienspielschar zwischen Amper und Isar zu schrumpfen. Wer, wie Brigitte Hobmeier, das Handwerk beherrscht und unter günstigen Umständen sogar Kunst daraus zu zaubern versteht, muss nun damit rechnen, wie ein freches Gör zum Schämen in die Ecke gestellt zu werden.

 

1 Kommentar