Kriminal-Psychologe Lüdke über den Dachauer Todesschützen „Er hat diese Tat lange vorbereitet“

Kriminalpsychologe Christian Lüdke hält den Todesschützen, der in Dachau einen Staatsanwalt erschoss, für voll schuldfähig. Foto: ho

Im Interview mit der AZ erklärt der Kriminal-Psychologe Dr. Christian Lüdke, was sich vermutlich im Kopf des Dachauer Todesschützen abgespielt hat:
 
AZ: Herr Dr. Lüdke, ein Mann hasst „die Justiz". Er tötet nach einem harmlosen Richterspruch einen Staatsanwalt, den er nie zuvor gesehen hat. Warum?
CHRISTIAN LÜDKE: Man muss sich diesen Täter als typischen Versager vorstellen. Der ist im Leben, im Job, vielleicht auch sexuell gescheitert. An allem, was schief läuft, sind aus seiner Sicht die anderen schuld. Er glaubt: Ich habe doch gar nichts gemacht! Andere haben ihn behindert, betrogen, zu irgendwas getrieben. Aus seiner Sicht hat niemand das Recht, über ihn überhaupt ein Urteil zu fällen.

Deshalb war ursprünglich der Richter sein Ziel?
Klar. Der Richter war der Überbringer der schlechten Nachricht. Mit dem Richter hatte das Urteil für ihn ein Gesicht und eine Stimme.

Keine Affekt-Tat also?

Oh, nein. Er hat diese Tat in seiner Fantasie lange vorbereitet. Er hat ein Drehbuch abgespult, das er über Jahre entwickelt hat. Die Waffe hat er ja nicht zufällig herumgetragen.

Was genau ging in ihm vor?
Ständige Pöbler und Nörgler, wie Rudolf U. einer war, fühlen sich immer am Rande der Welt. Als würden sie kein Gesicht mehr haben. Da, wo all seine Konflikte entstanden sind, konnte er sie nicht lösen. Also konzentrierte sich seine Wut auf den Richter und die Justiz.

Dass er nach einem Mord ins Gefängnis geht, muss ihm doch aber klar gewesen sein?
Natürlich! Er hat innerlich einen Strich gezogen und sich gesagt: So, jetzt töte ich einen Menschen. Jetzt gebe ich euch mal wirklich einen Grund, für den ihr mich zurecht verurteilen könnt! Damit fühlte er sich im Recht.

Klingt paradox
Ist aber so. Je ohnmächtiger Rudolf U. sich fühlte, desto größer wurde sein Wunsch, einmal die Kontrolle zu haben, Herr über Leben und Tod zu sein. Im Mittelpunkt zu stehen. Diese primitive Form der Konfliktbewältigung war für ihn leichter zu ertragen, als sich mit den Konflikten selbst auseinander zu setzen. Das war ein krankhafter Versuch, als Mensch wahrgenommen zu werden.

Wie entsteht so ein Charakter?

Der Mann hat vermutlich nie gelernt, mit Enttäuschungen umzugehen. Er hat sich sicher schon als Kind ignoriert gefühlt und ist emotional völlig verwahrlost. Sein Pöbel-Auftritt vor dem Gerichtstermin im Café spricht auch für unterdurchschnittliche Intelligenz.

Der Richter hat sich weggeduckt, das Ziel war außer Sichtweite. Warum hat Rudolf U. hier nicht einfach aufgegeben, sondern auf den Staatsanwalt gezielt?
In dem Augenblick hat sich das Gefühl entladen: Sogar dazu bin ich zu blöd! Ich kann noch nicht mal den Richter erschießen! Ich habe noch nie was richtig gemacht! In einem Rauschzustand entschied er: Dann muss halt ein anderer bezahlen. Der Staatsanwalt war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Ist der Täter zu verrückt fürs Gefängnis?
Nein. Er hat eindeutig eine psychische Störung. Aber er wusste genau, was er tat. Aus meiner Einschätzung ist er voll schuldfähig.

Was wäre ein Kriterium, um nicht schuldfähig zu sein?
Etwa wenn er sich zeitlich und räumlich nicht hätte orientieren können. Wenn er zum Zeitpunkt der Tat unter Realitätsverlust gelitten und zum Beispiel geglaubt hätte, er schießt auf ein Monster. Bei diesem Täter war von Desorientierung aber keine Spur.

Rudolf U. ist schnell überwältigt worden. Gab es die Gefahr, dass er Amok läuft und noch mehr Menschen tötet?

Nein. Ein Toter hat ihm gereicht. Er hatte nicht vor, wahllos umher zu schießen.

Was macht Sie da so sicher?

Beim Amoklauf geht es darum, seinen eigenen Selbstmord zu inszenieren und davor möglichst viele Menschen sterben zu lassen. Das hätte Rudolf U. vorher besser in dem Café tun können, aber das war nicht sein Plan. Dieser Täter hat nicht vorgehabt, sich umzubringen.

Hätte man erkennen können, was der Mann plante?
Das hätten nur Menschen erkennen können, die ihn gut kannten – anhand von Verhaltens-Änderungen.
Oft bekommen Menschen solche Signale mit, aber jeder denkt: Warum soll ich mich darum kümmern? Je mehr Menschen Signale mitbekommen, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass niemand reagiert. Eins darf man trotzdem nicht vergessen: Schuld an einer solchen Tat hat immer nur der Täter selbst. Sonst niemand.

Interview: Irene Kleber

 

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