Konzert in der Olympiahalle Herbert Grönemeyer mit „Dauernd Jetzt“ in München

Herbert Grönemeyer bei seinem Konzert in der Münchner Olympiahalle. Foto: Jens Niering

Glücklicher Sänger, glückliche Zuschauer: Herbert Grönemeyer in der Münchner Olympiahalle. Die AZ-Kritik

 

Menschenmassen, gepresst in U-Bahn-Wagons. Wörter, gepresst durch diese eine wunderbare Kehle. Was es bedeutet, wenn’s eng wird, konnte man am Donnerstagabend eindrücklich erleben, weil gleich zwei Konzerte aufs Olympiagelände lockten: im Stadion AC/DC, in der Halle Herbert Grönemeyer. Die Konzertveranstaltungs-Götter müssen verrückt sein. Aber wer das Gedränge überlebt hatte, dem durfte das Herz drinnen schnell weit werden; gerade in der Halle, wo der Künstler vierzig Minuten später als geplant auftrat, mit mindestens genauso viel TNT im Gepäck wie die Australier im Stadion.

Sowieso: Mehr Wechsel- und Gleichstrom im Blut als Grönemeyer kann keiner haben. Elektrisierend gleich der Anfang, bei dem er mit seiner Band aus der Dunkelheit die Lunte für den Abend zündet. Mit Grubenlampen auf dem Kopf treten sie auf, Grönemeyers Stimme schält sich aus dem Bergwerksschacht seiner Seele, und wenn er auch später bekennt, dass er den ersten Einsatz vermasselt hat, zieht „Unter Tage“ als herbe(rtig) dräuendes Intro hinein in eine Liedwelt, die uns schon immer den Weg in die Helligkeit gewiesen hat. Song zu Ende. Explosives Scheinwerferlicht. Tobender Applaus, und Grönemeyer ist sichtbar da. „Dauernd jetzt“ heißt sein aktuelles Album, und das passt auch als Motto für ein Konzert, in dem die Rampensau ohne Unterlass präsent ist, spielend, singend, sausend, tänzelnd, als ob 59 Jahre auf dem graden Buckel keine Last, sondern Ansporn sind.

Neue Songs

Weil er sicherlich Lust auf das neue Material hat, präsentiert Grönemeyer es auch erstmal. Schöne Sachen sind dabei, die aber noch Ohrwurmtauglichkeit beweisen müssen: „Uniform“ zum Beispiel, ein Plädoyer für das Bewahren der Privatsphäre in Zeiten des allgemeinen Geheimnisverlusts. „Ich will dich nur als Mythos“, fordert Grönemeyer, er selbst eine springlebende Legende des deutschen Rocks, die sich den Fans öffnet wie ein Scheunentor. Den Steg, der von der Bühne in die Halle hineinragt, nutzt er ausgiebig für Ausflüge in die Menge, in die er später bei „Vollmond“ in einer etwas reduzierten, durchaus altersgemäßen Variante des Stagedivings entschlossen hineinschwimmt.

Nichts ist verschwunden, nicht die Frische, nicht die Ironie, mit der er wie immer seine Tanzfähigkeiten kommentiert, um dann erst recht die Hüften zu schwingen. Dabei sieht das Klasse aus. Grönemeyer: Tanzbär der Nation, König der Koketterie. „Ich singe heute Abend viel falsch, aber bin bester Dinge“, kommentiert er, und seine Stimme klingt tatsächlich so kratzig, als ob er drei Monate durchgeschrien hat. Aber er macht weiter. Kein Ende in Sicht. Und man will auch, dass es nicht mehr aufhört, so exzellent ist die Band, so großartig die Lichtshow, so mitreißend der Chef, der sich durch eine ausgeklügelte Showdramaturgie bewegt, die internationale Maßstäbe locker erfüllt.

Natürlich "Männer"

Darf man zunächst Grönemeyer mehrfach und in den schönsten Farben auf Screens bewundern, die sich Cinemascope-haft über der Bühne ranken, so fahren beim ersten Oldie „Bochum“ auch noch sechs kastenartige Leinwand-Elemente von oben herunter, die sich je nach Songgemütslage flexibel formieren können. Die Laune ist oft rot, der Testosteronspiegel hoch: Während andere Altmeister sich gerne mal eine junge Geigerin für Streichel-, nein, Streichereinheiten auf Tour mitnehmen, umgibt Grönemeyer sich auf Geschlechterquoten pfeifend mit einem Herrenclub der Extraklasse.

Bei einer zackigen Version von „Männer“ dürfen die Gitarristen Stephan Zobeley und Jakob Hansonis sowie Bassist Norbert Hamm erstmals mit auf den Steg und haben auch später ihre Solo-Momente, genauso wie Frank Kirchner, der bei „Alkohol“ nicht ins Röhrchen, sondern beachtlich in sein Saxophon bläst. Wechselndes Instrumentarium ermöglicht den Spaziergang durch die Gattungen: Beim intimen Set vorne am Steg gesellt sich zu Grönemeyer am Piano ein Kontrabassist, um dem Liebesschmerz von „Flugzeuge im Bauch“ eine jazzige Seite zu geben. Mit dem Akkordeon geht es „Land unter“, aber Grönemeyer ist ständig oben auf, gerne mit dem Publikum, dass er, unnötig genug, zum Nachsingen auffordert, um dann irgendeinen komplizierten Quatsch zu improvisieren.

Ein authentischer Künstler

„Zeit, dass sich was dreht“ lässt die Halle dann zum überdachten Fußballstadion mutieren, aber es ist nicht alles Jux und Tollerei bei Grönemeyer. Er meint es ernst, gerade, wenn er mit „Roter Mond“ die Flüchtlingsthematik anpackt und für tatkräftige Solidarität plädiert. Den Dancefloor erobert er nach zweieinhalb Stunden dann auch noch mit „Fang mich an“. Eine riesige Diskokugel schwebt hinten herab, während vorne die Konfetti-Kanonen knallen und Grönemeyer in flatternden Papierschnipseln fast verschwindet.

Seine Dank, seine Liebesbekundungen an die Fans, er wird das jeden Abend tun, wirkt völlig glaubwürdig. Den Genuss, den er bei seinem Konzert hat, sieht man ihm jeder Zeit an. Einmal, bei „Mensch“, singt die Menge und schwenkt die Arme, was ein Chaos von Wellen in der Halle ergibt, eine unruhige See, in deren Mitte ruhig Grönemeyer steht. Glücklich, weil er schon alle möglichen Gezeiten gemeistert hat; glücklich machend, weil er sein Wissen großzügig weitergibt.

 

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