Kolumbien und die WM 1994 Ein Eigentor und sechs Schüsse: Der Mord an Andrés Escobar

Pablo Escobar: Der Kolumbianer liegt nach seinem Eigentor bei der WM 1994 auf dem Boden. Foto: dpa

Schon vor 20 Jahren verzückt Kolumbien den Weltfußball. Eingeschüchtert von Morddrohungen scheitert das Team jedoch in den USA - nach der Rückkehr wird Kapitän Andrés Escobar wegen seines Eigentores erschossen. Die Geschichte des größten WM-Verbrechens.

Medellín - Die fatalen Schüsse vom 2. Juli 1994 verfolgen Kolumbiens Seele noch heute. Nur zwei Tage vor dem historischen Viertelfinale gegen WM-Gastgeber Brasilien jährt sich das brutale Attentat auf Andrés Escobar. Die Erinnerung an den höchstbeliebten Anführer, der nach seinem verhängnisvollen Eigentor beim Weltturnier in den USA ermordet wurde, erklärt den langjährigen Niedergang des Fußballs in dem südamerikanischen Land. "Wir werden niemals aufhören, an ihn zu denken oder zu fühlen, dass er einer von uns war", betonte der frühere Nationalspieler Jorge Bermúdez  "Jeder kolumbianische Sieg wird auf eine gewisse Art auch seiner sein."

In Rio de Janeiro wird dem "Gentleman des Fußballs" am 20. Jahrestag seines Todes gedacht. Ähnlich wie in Brasilien, wo James Rodríguez & Co. die Welt verzücken, schwärmten auch 1994 alle Experten von Kolumbiens Zauberfußball. Die Mannschaft hatte vor der WM in den USA nur eine von 26 Partien verloren und Argentinien mit 5:0 abgefertigt, so dass nicht nur Pelé das Team als Titelanwärter erachtete. Doch das blutige Chaos rund um den Drogenkrieg in der Heimat begleiteten Los Cafeteros auch in die Vereinigten Staaten. In der Nacht nach dem 1:3 zum Auftakt gegen Rumänien wurde der Bruder von Luis Fernando Herrera getötet, Escobar konnte den Verteidiger noch überzeugen, zu bleiben.

Vor dem zweiten Spiel gegen die USA kam Trainer Francisco Maturana weinend in die Kabine, zahlreiche Wetter hatten daheim Geld verloren, das Team erhielt Morddrohungen. "Sollte Barrabas Gómez spielen, würden sie uns alle umbringen", berichtete Topstürmer Faustino Asprilla in einer 2010 ausgestrahlten Dokumentation des US-Senders ESPN. Der Mittelfeldspieler und der Coach beugten sich dem unmenschlichen Druck - "ich wusste, dass es um regionale Rivalitäten in der Heimat ging", sagte Gómez und trat zurück.

Verängstigt und eingeschüchtert leisteten sich die technisch hochbegabten Kolumbianer ungewohnte Fehler - der schwerwiegendste von Escobar leitete mit dem Gegentreffer in der 35. Minute das 1:2 ein. Als der damals neunjährige Sohn von Andrés Schwester Maria Ester das Eigentor am Fernsehen sah, sagte er sofort: "Mommy, sie werden Andrés töten." Seine Mutter versuchte den Kleinen zu beruhigen und musste ihm wenig später doch die grausame Realität erklären. Nach der Rückkehr aus den USA entschuldigte sich Escobar via TV bei der Nation für seinen Fauxpas.

Vor der fatalen Nacht in Medellín warnten ihn noch Trainer Maturana und seine Teamkollegen, angesichts der unsicheren Lage vor die Tür zu gehen. Doch Escobar bestand darauf, "den Leuten mein Gesicht zu zeigen." Nach einer Streiterei vor einem Nachtclub wurde Escobar im Alter von 27 Jahren mit sechs Schüssen in seinem eigenen Auto hinterrücks niedergestreckt. Humberto Muñoz, ein Leibwächter und Fahrer für Top-Mitglieder des kolumbianischen Drogenkartells, wurde wegen des Mordes zu 43 Jahren Haft verurteilt, aber wegen guter Führung schon nach elf Jahren wieder entlassen.

Die Trauer über den Tod ihres verehrten Idols schlug bei den Anhängern schnell in Wut um. "Noch nicht einmal der Fußball konnte der Gewalt entfliehen, die Fans waren tief desillusioniert und verließen die Stadien", erinnerte Mittelfeldspieler Chico Serna. Zuvor hatten die Drogenbarone die heimischen Clubs noch zur Geldwäsche missbraucht, mit ihren Investitionen allerdings in die kontinentale Spitze geführt - mit der Eskalation beginnt der Absturz.

Nach dem Vorrundenaus 1998 und dem Ende der goldenen Generation um Carlos Valderrama gelang erst nach dem Wiederaufbau der Strukturen 16 Jahre später erneut die Qualifikation für ein Weltturnier. Das neue Team mit dem Shootingstar Rodríguez feierte nun mit dem Einzug ins Viertelfinale einen historischen Erfolg, nicht nur für die Familie des damaligen Helden ist die Tragödie aber weiterhin unvergessen. Er hätte den Tod seines Bruders akzeptiert, wenn dieser die Gewalt aus dem Fußball verbannt hätte, sagte Santiago Escobar, älterer Bruder von Andrés, der Zeitschrift "Cromos". Aber dieses Phänomen gebe es heute immer noch. Bei einigen gewaltbereiten Fangruppen von Millionarios Bogotá - Erzrivale von Escobars früherem Club

 

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