König Ludwig: Die Wahrheit. War der König schwul? Für immer verfluchte Küsse!

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Keinen Kuss mehr! Reinheit! Königtum” – solches Abschwören von homosexuellem Liebesaustausch gelobte König Ludwig immer wieder. Aber es nutzte nichts! Der König bevorzugte Männer. Klaus Reichold – ein Ludwig-Experte – hat auch darüber geforscht.


AZ: Herr Reichold, warum und wann kamen Gerüchte auf, der König sei schwul?

KLAUS REICHOLD: Das Erstaunliche ist: Es war zu Lebzeiten überhaupt kein Geheimnis, wenn man Zeitungen der Zeit liest oder Augenzeugenberichte. Schon bei der Auflösung der Verlobung mit Sophie schrieb der Altersgenosse Ludwigs und Ministeriale Gottfried von Böhm: „Die Verlobung ist an dem Mangel des natürlichen Triebes zur Eheschließung seitens des anomalen Bräutigams” gescheitert. Oder bei einer staatsanwaltlichen Vernehmung sagte der Oberstallmeister von Lerchenfeld aus, „Seine Majestät triebe es mit seinen Reitknechten Joseph und Ludwig Völk. Seine Majestät sei ein Spinatstecher”, was ein Begriff für Analverkehr ist.

Warum dann die ewige Heimlichtuerei bis heute?

Das müssen Sie die Königstreuen oder die Guglmänner fragen, die so abstruse „Gegenbeweise” bringen wie: Aber Ludwig hat doch nackte Frauengestalten und heterosexuelle Liebespaare in seinen Schlössern darstellen lassen! Als ob ein Homosexueller nicht auch eine Frau schön finden könnte.

Was war dann das Problem?

Bis zur Reichsgründung war Homosexualität in Bayern auch nicht strafbar. Vielleicht war aber die Verweigerung der Zeugung eines Thronfolgers der Skandal. Aber die Wittelsbacher waren ja nicht am Aussterben.

Was gibt es denn letztlich für Beweise für die Homosexualität des Königs?

Die Briefe des Königs selbst und sein Tagebuch. Und gegenüber einem Vertrauten, dem Philosophieprofessor Huber, hat Ludwig zum Thema Frauen gesagt, die nach Meinung des Professors zumindest eine Episode im Mannesleben seien: „Bei manchem Mann kommt diese Episode gar nicht vor.” Und der Professor notierte in seinen Aufzeichnungen: „Und ich merkte, dass er sich damit meinte.”

Aber es gibt keinen Nachweis, dass Ludwig wirklich homosexuellen Sex hatte?

Nein, da ist natürlich keiner hergegangen und hat öffentlich rausposaunt: „Ich hatte Sex mit dem König!” Und es kommt darauf an, was man als homosexuelle Beziehung wertet. Bekannt ist, dass Ludwig viele gute Freunde hatte und jedesmal extrem eifersüchtig war, wenn die sich Frauen zuwandten, wie zum Beispiel Paul von Thurn und Taxis. Und es wurde lebenslang heftig geküsst zwischen Ludwig und Männern – bis zu seinem Tod.

Woher hatte Ludwig seine Männer-Freunde?

Anfangs waren es selbst Aristokraten und Adjutanten. Später wird Ludwig wahllos und erregt mit seiner Vorliebe für Stallknechte und andere erst wirkliches Befremden. Er hat sie sich bei Militärparaden von seinem Fenster in der Residenz aus ausgesucht und zu Kammerdienern gemacht. Und die Reitknechte, die er beförderte, mussten erst beim Tanzmeister des Hofes Manieren lernen. Und dann gibt es ja die wieder aufgetauchten Briefe, in denen Ludwig seinen Freund Karl Hesselschwerdt beauftragt, durch Gesandte Jünglinge in Europa nach seinem Geschmack zu suchen und Fotos zu schicken und, manchmal, wenn möglich, Treffen zu arrangieren. Das war dann seine private Schönheitengalerie.

Wie ist das Haus Wittelsbach damit umgegangen?

Nach Ludwigs Tod ließ das Haus Wittelsbach die vielen Fotos und Marmorbildnisse, die Ludwig überall in seinen Räumen hatte aufstellen lassen, verschwinden.

Wagner und der König schrieben sich glühende Liebesbriefe: Hatte er was mit Richard Wagner?

Wagner sagt: „Er liebt mich mit der Innigkeit und Glut der ersten Liebe.” Ludwig schrieb: „Einzig geliebter Freund! mein Erlöser! mein Gott!” Aber es ging Ludwig schwärmerisch vor allem um das Werk des Meisters.

Hat der König unter seiner Homosexualität „gelitten”?

Ja, weil er sehr katholisch war und nach 1871, als sein Rückzug in Traumwelten begann, immer stärker versuchte, gegen seine Triebe anzukämpfen.

Mit Erfolg?

Vergeblich! Denn Ludwig schreibt in seinem Tagebuch immer wieder bis zum Tod Einträge wie: „Verflucht seien noch für immer die profanen Küsse!”

Kann man auch aus Ludwigs Kunstgeschmack die Homosexualität herauslesen?

Ja, allein der ganze Grals-Kult in den Schlössern ist ja ein Sühnekult. Auch die Verehrung der Wagnerschen mythischen, reinen Liebespaare wie Tristan und Isolde, die letztlich ja sexuell nicht zusammenkommen. Und für mich ist auch die Grotte in Linderhof erst rot beleuchtet die Thanhäusersche heterosexuelle Venusgrotte, dann blau beleuchtet als Lohengrin-Grotte und als Hommage an die blaue Grotte auf Capri, die schon im 19. Jahrhundert eine „Wallfahrtsstätte” für Homosexuelle war.

Ihre These ist, dass auch die Homosexualität des Königs bei seiner Absetzung eine große Rolle gespielt hat.

Da gibt es die Zeugenaussagen, die eingeholt wurden, um Ludwigs Geisteszustand zu beleuchten: Da erzählt dann ein ehemaliger Bereiter aus dem Marstall, Richard Hornig, von „Waldfesten mit jüngeren Bediensteten und Stallleuten in maurischer Tracht” auf dem Schachen-Haus, wo Tänze aufgeführt wurden, bei „welchen gar kein Kostüm sogar dem maurischen vorgezogen wurde”. Als Geisteskrankheit wurde im Gutachten dann „moralisches Irresein” diagnostiziert”

 

Adrian Prechtel


Von Klaus Reichold (zusammen mit Thomas Endl) erscheint am 12. Mai: „Ludwig Forever – Die phantastische Welt des Märchenkönigs” (Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 24 Euro)

 

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