Klitschko vs. Fury Die irre Geschichte des britischen Tyson

Fordert Wladimir Klitschko heraus: Tyson Fury. Foto: dpa

Der Gegner von Wladimir Klitschko hat eine bewegte Familien- und Lebensgeschichte. Seine Vorfahren kämpften alle mit bloßen Fäusten, der Vater saß im Knast.

Düsseldorf - Als John Fury seinen Sohn am 12. August 1988 das erste Mal sah, das erste Mal in seine von Knöchelbrüchen verunstaltete Hand nahm, da wusste er nicht, ob das Baby die nächsten Stunden überleben würde. Der Bub war als Sechs-Monats-Frühchen zur Welt gekommen, wog nicht einmal 800 Gramm. „Der gesamte Körper passte in meine Hand. Aber ich blickte in seine Augen – und da sah ich etwas. Das Feuer eines Kämpfers, diesen unbändigen Willen, zu leben. Zu überleben“, erinnert sich John Fury, „ich gab ihm in diesem Moment den Namen Tyson. Nach Mike Tyson. Der war damals der größte Kämpfer überhaupt, schier unbezwingbar. Ich dachte mir, wenn einer gleich als Baby in den ersten Stunden den Kampf gegen den Tod gewinnt, dann braucht er einen starken Namen.“

Tyson Fury gewann den Kampf um sein Leben. Doch das Leben war anfangs ein harter Kampf. Er litt als Kind unter Halluzinationen, er sah Monster, sah ständig in seinem Kopf Bilder, wie das Haus der Familie in Flammen stand. Er konnte Traum und Realität nicht gut auseinanderhalten. „Es war keine leichte Zeit. Aber er hat sich auch da durchgekämpft. In unserer Gemeinschaft kümmern wir uns um die Menschen. Die Familie geht über alles.“

Fury: Eine Familie von Faustkämpfern

Die Furys kommen aus dem Zirkel des fahrenden Volkes, Tyson Fury nennt sich selber auf Twitter „Gypsy King“ (Zigeunerkönig), John Fury boxte selber unter dem Kampfnamen „Gypsy“. Er hatte eine respektable Karriere als Profi (13 Kämpfe, acht Siege), doch als Kämpfer mit bloßen Fäusten, eine in England sehr beliebte und gerne mit hohen Wetten versehene Attraktion, verdiente er viel mehr. Da bestritt er dutzende Kämpfe. Also wurde er zum Faustkämpfer im wahrsten Sinne des Wortes.

Die vernarbten, von Brüchen gezeichneten Pranken sind dafür Testament. „Kämpfen gehört zu unserem Lebensstil. Es ist eine Frage der Ehre, des Kodex“, sagt Fury senior. Als Tyson, dessen Großväter und Urgroßväter ebenfalls alle Faustkämpfer ohne Schutz waren, neun Jahre alt war, stand für ihn fest: Ich bin dazu ausersehen, Boxweltmeister zu werden. Er begann mit dem Boxtraining. Gleich am ersten Tag stieg er mit zwei Jungen in den Ring und kämpfte wie ein Derwisch, bis er sich übergeben musste vor Erschöpfung. „Aber er hat nicht aufgehört. Kämpfen, das ist in seinen Genen“, sagte Papa Fury.

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Tyson war der Erste seiner Familie, der nicht mehr im Wohnwagen aufwuchs, sondern in einem Haus. „Ich hatte eine gute, feine Kindheit. Wir hingen mit unseren Verwandten rum, die immer noch das Zigeunerleben führten, aber wir lebten anders.“

"Kämpfe, als hätte der Typ meinen Kindern das Essen weggenommen"

Als Tyson 17 war, lernte er bei einer Hochzeit die 15-jährige Paris Mullroy kennen und lieben. Ein Jahr später waren sie ein Paar. 2008 heirateten die beiden, sie haben zwei Kinder. Tochter Venezuela (6) und Sohn Prince (4). „Ich boxe, um viel Geld für meine Kinder zu verdienen, damit sie ein tolles Leben haben können. In meinem Kopf sehe ich jeden Gegner als einen Mann, der meinen Kindern dieses Geld wegnehmen will, der ihnen sozusagen das Essen stiehlt. So kämpfe ich auch, als hätte der Typ meinen Kindern ihr Essen weggenommen“, sagt Tyson, der außerhalb des Rings der Legende nach nie einen Kampf bestritten hat.

Der Vater stach einem Mann ein Auge aus

Ganz anders als sein Vater, der ja auch Tysons Trainer ist. Er prügelte sich nicht nur bei den organisierten Faustkämpfen mit bloßen Fäusten. Am 14. Juli 2010 endete ein Kampf als schweres Verbrechen. Bei einer Gebrauchtwaren-Auktion geriet Fury mit Oathie Sykes in Streit. Die beiden waren mal beste Freunde, hatten sich aber 1999 wegen eines Bieres zerstritten und geprügelt. „Wir sollten den Kampf von damals beenden“, soll Fury gebrüllt haben, ehe er schrie: „Ich bin der härteste Mann im Land.“ Danach flogen die Fäuste und leider nicht nur die. Fury stach Sykes mit dem Finger ein Auge aus, ehe die Kontrahenten getrennt wurden. „Es war ein Fight, bei dem alles auf dem Spiel war, wofür ich stehe“, sagte Fury dem „Daily Telegraph“ kürzlich.

Er kam vor Gericht. Bei dem Prozess flehte der angeblich härteste Mann des Landes den Richter um Gnade an. „Ich würde ihm mein eigenes Auge geben, wenn ich nur zurück zu meinen Kindern darf!“ Das durfte er nicht, der Richter verurteilte ihn zu elf Jahren Gefängnis, vor wenigen Monaten kam er auf Bewährung frei und trainiert jetzt wieder seinen Sohn.

Der Sohn setzt auf große Klappe und hat fragwürdige Ansichten

Tyson setzt eher auf clowneske Auftritte – etwa im Batman-Kostüm – und Schimpftiraden. „Ich werde Klitschko wie einen Trottel aussehen lassen“, kündigte er an. Doch im Interview mit der Zeitung „Daily Mail“ brannten bei ihm alle Sicherungen durch, da verglich Fury, der von sich behauptet, nur ein einziges Buch – die Bibel – zu besitzen, in einem Ausbruch Abtreibungen und Homosexualität mit Pädophilie. „Zwei davon wurden schon legalisiert, wenn auch noch Pädophilie rechtens wird, wird uns der Teufel heimsuchen.“

Klingt so, als hätte Fury seine Halluzinationen der Kindheit immer noch nicht überwunden.  

 

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