Klassik Schöner hören in der Schweiz

Beim Schweizer Gastspiel kann sich Lorin Maazel auf einen guten Klang verlassen, in München muss er noch dran basteln. Foto: Peter Fischli

Unter ihrem neuen Chef Lorin Maazel zeigen sich die Münchner Philharmoniker in Luzern von ihrer allerbesten Seite – Kunstminister Heubisch ist berauscht von der Qualität des Konzertsaals

 

Kunstminister Wolfgang Heubisch, für das Orchester der Stadt eigentlich nicht zuständig, aber dennoch zur Stelle, geriet regelrecht ins Schwärmen. Zum ersten Mal hatte er im Konzertsaal des Kultur- und Kongresszentrums Luzern Musik gehört und war hingerissen: „Eine Super-Akustik.” Und auch der neue Chefdirigent der Philharmoniker wurde von ihm artig hofiert: „Ich bin froh, dass wir Lorin Maazel wieder in München haben.”

Welches Münchner Orchester auch immer in Luzern gastiert, die Attraktion ist der Saal. Dort lässt sich Musik genießen wie an kaum einem anderen Ort. Den Philharmonikern, beim Lucerne Festival zuvor mit James Levine, dann mit Christian Thielemann und Zubin Mehta zu Gast und notgedrungen eingeschworen auf den Gasteig, kann nicht verborgen bleiben, was zuhause alles im Argen liegt. Intendant Paul Müller hält nur schwach dagegen: „Die Akustik im Gasteig ist besser als ihr Ruf.”

Aber auch er wird gehört haben, dass etwa Bruckners dritte Symphonie eine andere Klangqualität besaß als in München. Endlich einmal ließ sich nachvollziehen, was die Philharmoniker auszeichnet und an guten Abenden einzigartig macht: das runde, warme, von einem energischen Bassfundament geprägte Timbre der Streicher, das stets in das Gesamtgeschehen integrierte kernige, nie lärmende Blech und die reizvoll individuellen Unterschiedlichkeiten der Holzbläser, die allerdings in Wagners „Tannhäuser”-Bacchanal ein wenig schwächelten. Dessen ungeachtet gab es am ersten Abend mit Wagner und Bruckner für Lorin Maazel und das Orchester stehende Ovationen. Mahlers neunte Symphonie gelang 24 Stunden später ebenfalls außerordentlich, wenn auch nicht ganz so grandios wie wenige Tage zuvor in München.

Intendant Paul Müller ist trotz des Super-Auftritts seiner Musiker bei einem der renommiertesten Festivals der Welt nicht zu beneiden. Den Kampf um bessere akustische Bedingungen in der Philharmonie hat er angenommen. Dirigent und Orchester sind derzeit dabei, eine optimale Sitzordnung auszutüfteln – in Cleveland, wo Maazel von 1972 bis 1982 wirkte, sitzt das Orchester eben, was den Bläsern allerdings erheblich die Sicht erschwert: „Natürlich lösen wir damit nicht alle Probleme”, meint Paul Müller, „denn ein Sanierungsbedarf besteht schließlich für den gesamten Gasteig.”

Und dann gibt es ja noch eine andere Baustelle. Maestro Maazel umschreibt sie klug und treffend so: „It’s complicated” – was die Situation besser trifft als das deutsche Wort „kompliziert.” Denn die Suche nach einem Nachfolger des 82-Jährigen gestaltet sich offenkundig so schwierig wie das Finden einer Nadel im Heuhaufen.

Die Musiker trauen sich und fragen, ob man denn eine Idee hätte. Intendant Müller hält sich bedeckt: „Es muss jemand sein, der passt.” Also kein wohltuend Verrückter, Selbstdarsteller, vielleicht ja auch Visionär wie der Grieche Teodor Currentzis, sondern einer, der erdgebunden Brahms und Bruckner beherrscht, ohne vor Charles Ives zurückzuschrecken. In Bamberg, wo Müller vor seinem Münchner Engagement Intendant war, hatte er Glück. Dort traf er auf Jonathan Nott, der – bei Amtsantritt weitgehend unbekannt – dem Orchester zu neuen Höhenflügen verhalf. Vielleicht gewinnt er ja noch einmal.

 

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