Klassik Nichts als Musik

Was weiß man über Grigorij Sokolov? Dass er so selbstverständlich Klavier spielt, wie ein Ober im Hawelka einen Braunen serviert. Foto: Veranstalter/Bell'arte

Der Pianist Grigorij Sokolov beschert seinen Anhängern einen überwältigenden Abend

 

Das Leben ist eine Last, die alles in die Tiefe zieht. Auch die Mundwinkel. Aber vermutlich ist es die Spannung, die Konzentration, womöglich sogar ein aufkeimender Zweifel, der Grigorij Sokolov nur kurz und wie abwesend in die Runde blicken lässt. Sein Publikum sitzt ihm schon wieder auf der Pelle, der Herkulessaal ist bis aufs Podium gefüllt. Da können die ersten „Tendres Plaintes”, die zärtlichen Klagen aus Jean-Philippe Rameaus Suite in d schon etwas robuster geraten.

Wer den Franzosen in der Cembaloversion im Ohr hat, zuckt auch beim x-ten Sokolov-Recital zusammen, um nach wenigen Takten dann doch gierig zu lauschen, zu warten auf die nächsten bohrenden Triller. Man kann es nicht wirklich fassen, was dieser Pianist mit einem anstellt. Aber die Unbedingtheit, und mehr noch die unsägliche Kraft, die diesem Spiel innewohnt, magnetisiert, elektrisiert – schafft den Hörer.

Sokolov geht es nie um Effekte, er gräbt sich mit breiten Schaufeln ins Zentrum der Musik, das ist ein Kampf, den er erstaunlich lange erstaunlich konzentriert führt. Dass der Klavierstimmer schon nach der wunderbaren „Boiteuse” und den punktierten Schleppern dieser „Humpelnden” ran müsste, ist Nebensache. Wen kratzt das, wenn große Musik entsteht, wenn man begreift, weshalb es natürlich nur die a-moll-Sonate KV 310 sein konnte, die den beethovenverseuchten Klavierheroen des 19. Jahrhunderts von diesem gar nicht so heiter verspielten Mozart behagte. Und dann findet Sokolov, der Unnahbare, im Andante zu so viel Gefühl und Zartheit, dass einem ganz schummrig werden muss.

Doch Sokolov stellt sich stets hinter die Sache. Denn dass die „Variationen über ein Thema von Händel” im Grunde danach klingen, als würde der völlig barockaffine Johannes Brahms über die Gestaltungsmöglichkeiten eines Robert Schumann nachdenken, sagt weniger über den Pianisten, als über den Komponisten. Und nach dem Auskosten der triumphalen Schlusssteigerungen ist das melancholisch Intime noch viel intimer: Die traumschönen drei Intermezzi op. 117 bettet Sokolov sehnsüchtig in die Vergangenheit, ohne je der Verlockung zu erliegen, auch nur einen Hauch vom Mysterium dieser Musik preiszugeben.

Magisch ist das. Und vielleicht müssen es mindestens sechs sehr verschiedene Zugaben sein – Bach, Schumann, Skrjabin... –, um ein völlig hypnotisiertes Publikum kurz vor elf endlich in die Nacht hinaus zu schicken. Matt und glücklich.

 

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