Klassik Kraftvoll am Abgrund entlang

Da hebt er die Hand ganz sanft, doch Grigorij Sokolov langt ordentlich zu – und fasziniert immer. Foto: AMC Verona

Keiner hat diese Ausdauer, nur ganz wenige dieses Niveau – Grigorij Sokolov spielt im Herkulessaal Schubert und Beethoven und beschert einen intensiven Abend mit Abstrichen

 

Er lässt sich Zeit. Zehn nach acht geht endlich die Tür auf – und schließt sich wieder. Inszenierung? Man weiß es nicht so recht. Eher ein Ritual, das sich irgendwann in dieses lange Pianistenleben geschlichen hat und natürlich zum ganzen Kult passt, der seit Jahren um ihn gemacht wird. Dass Grigorij Sokolov das alles gnadenlos zu ignorieren scheint und wie ein Robo-Männchen mit immer neutraler Mine, immer gleicher Mönchshaartracht und immer zu großem Frack auf die Bühne marschiert, steigert diesen ganzen Hype nur noch. Es ist fast Viertel, als er endlich den Steinway ansteuert, noch eine sparsame Verbeugung ins Nirgendwo des bis aufs Podium gefüllten Herkulessaals, dann geht plötzlich alles ohne Umschweife. Und bei Schubert sofort in die Vollen.

Die „Vier Impromptus“ op. 90 D 899, die gerne einzeln als Dreingaben serviert werden, schweißt Sokolov in eine Einheit, die den populären Stücken selbst in den perlenden Läufen eine federnde Schwere leiht und letztlich in die Tiefe zielt. Die ersten Zeitlupentakte des c-moll-Impromptus lassen für Sekunden die Erinnerung an Swjatoslav Richter aufblitzen, auch Sokolovs Schubert rauscht nie über Brüche hinweg, sie werden mit deutlichen Schattierungen versehen, doch im Sog einer fast enervierend insistierenden Rechten wieder schnell dem Fluss unterworfen. Schubert muss laufen, kraftvoll kreisen.

Die Ballung unsäglichster Ideen zerfällt in einzelne Bilder

Zimperlich ist dieser Pianist wirklich nicht, das zeigt sich mehr noch in den „Drei Klavierstücken“, D 946, deren Aussdrucksspektrum Sokolov zum drastisch Expressiven treibt, im harmlos-tröstlichen Volkston lauert latente Gefahr, das C-Dur-Allegro landet schließlich im krude-chromatischen Fiasko.

Beethovens Hammerklaviersonate liegt längst in der Luft, doch diese Ballung unsäglichster Ideen zerfällt dann bald in einzelne grelle Bilder, durchzogen von pastos gemalten Motivsträngen – gleichwohl auf allerhöchstem Niveau. Die genehmigten Freiheiten in Tempi und Dynamik, die bei Sokolov sonst so gut nachzuvollziehen sind und denen nichts von selbstverliebter Manier anhaftet, unterstreichen kein Konzept. Auch im Scherzo will sich ein zündender Rhythmus nicht einstellen, das schier endlose Adagio – eigentlich ein Psychothriller – gerät seltsam distanziert, ja unterkühlt. Umso mehr überraschte der Schlusssatz. Draufgängerisch dringt der 62-Jährige durch abgrundnahe Klangwelten, die aberwitzig radikale Schlussfuge bezwingt er mit souveräner Wucht, dass einem die Luft wegbleibt.

So viel Intensität ist kaum auszuhalten, und ohne Cooldown kann auch Sokolov nicht aus dem Saal. Inniger Brahms, wundervoller Rameau ... sechsmal langt er noch hin, auch das ein festes Ritual, das erst nach elf endet.

 

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