Klassik Fabelhaft leicht und faszinierend sinnlich

Der 1978 in Maisons-Laffitte im Ballungsraum Paris geborene Philippe Jaroussky ist derzeit der regierende König unter den vielen Countertenören. Foto: Simon Fowler/Virgin Classics

Der Liederabend des Countertenors Philippe Jaroussky im Prinzregententheater

 

Extraordinaire würden die Franzosen sagen. Etwas glamouröser klingt das als das deutsche „außergewöhnlich”. Dabei sah nichts nach Glamour aus im prall gefüllten Prinzregententheater, ein paar postweihnachtlich aufgedonnerte Fans ausgenommen. Der Star des Abends kam so schlicht daher wie sein bescheidener Begleiter am Klavier. Und mit einem überbordenden Fin-de-siècle-Bouquet aus Mélodies françaises war Philippe Jaroussky extraordinär genug.

Mal davon abgesehen, dass die Liedpalette zwischen Héctor Berlioz und Cécile Chaminade schon wegen der raffinierten Beziehung zur Sprache bei uns immer noch ins Reich der Exotik gehört, wildert ein Countertenor in wirklich ungewöhnlichen Gefilden. Als vor drei Jahren Jarousskys CD „Opium” auf den Markt kam, war das befremdend. An Berlioz’ „Les Nuits d’été” hatte sich Kollege David Daniels zwar schon 2004 gewagt. Aber dass sich ein Counter so sehr durchs 19. Jahrhundert wühlt, war mindestens kühn. Und was bei barockfixierten Triller-Helden eher zum Scheitern verurteilt wäre, lässt Jaroussky zu den echten Champs elysées fliegen.

Jarousskys Opium vernebelt nicht die Sinne

Während seine Stimme im Auftakt „L'île inconnue“ aus eben jenen „Nuits“ noch etwas zu nervös flackert, taucht er mit Ernest Chaussons „Colibri“ schnell in jenes sichere Fahrwasser einer Klangentfaltung, die von enormer Leichtigkeit geprägt ist, die alles bewältigt. Nicht nur technisch bis zu den waghalsigen Glucksern in den „Fêtes galantes“ oder den vertrackten Trampolinsprüngen der „Heure exquise“ von Reynaldo Hahn, wo man den Anlauf noch nicht einmal zu ahnen vermag.

Die Verlockungen liegen auf der Hand, doch Jarousskys Opium (nach Saint-Saëns’ „Tournoiement – Songe d’Opium“) vernebelt nicht die Sinne. Die Schwüle der Belle-Époque-Nacht ist von kühlem Mondlicht erfrischt, zart schwebt selbst spätromantische Schwere. Was Jérôme Ducros am Steinway übrigens fabelhaft untermalt, changiert, umfängt, beflügelt.

Jaroussky entfacht keinen Schwindel, keine Trunkenheit, nicht einmal in Chaussons „Les Temps des Lilas”. Sein Rausch entfaltet sich im Dezenten, in einem betörend sinnlichen Piano, in der leisen Melancholie der Todessehnsucht, die viele dieser Mélodies durchzieht. Und endet im schrägen Humor von Chaminades „Sombrero”. Auch das ist extraordinaire.

 

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