Klassik Engerln auf der Himmelstreppe

Noch nicht altbacken: Herbert Lists Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ feiert am 22. Dezember ihren 43. Geburtstag. Foto: Wilfried Hösl

Zweimal Humperdinck: „Hänsel und Gretel“ in der Staatsoper nebst „Dornröschen“ im Prinze

 

Von allen Plattenspielern krähten die Beatles ihr „Help!“, Ludwig Erhard schnullerte als Bundeskanzler an seinen Zigarren und die Bayerische Staatsoper spielte seit zwei Jahren im wiederaufgebauten Nationaltheater. Am 22. Dezember 1965 feierte die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ ihre Premiere, und wer heute mit seinen Kindern hingeht, hat selbst schon als Kind die Rauschgoldengerln auf der Himmelstreppe bewundert.

Die Besenbinder-Hütte und das Lebkuchenhaus schauen immer noch allerliebst drein. In den 70er Jahren war vom Parkett aus noch die Sollbruchstelle des Milchtopfs zu erkennen. Das hat die Requisite deutlich verbessert. Aber rechtzeitig zum 43. Geburtstag könnte die Staatsoper ihrem Evergreen ein paar Beleuchtungsproben bescheren: Der Wald im zweiten Bild graut hinter dem Portalschleier wie eine Katze im Finstern, was die Aufführung für eine Viertelstunde ziemlich langweilig macht.

Für Kinder spielt das Staatsorchester besonders schön

Das Staatsorchester bot unter Cornelius Meisters straffer Leitung seine ganze Klangschönheit für Humperdinck auf. Lesen sollten kleine Besucher schon können, weil sich alle Sänger außer Michael Volle auf die Übertitel verlassen. Volle macht den Besenbinder zu Wozzecks liederlichem Bruder, Daniela Sindram ist als Hänsel fast so lieblich wie seine Gretel Adriana Kucerová, deren slowakisch-charmanter Akzent in einer „Fledermaus“ freilich besser aufgehoben wäre.

Renate Behle geht als Gertrud so grade noch, Leandra Overmann aber keift die Hexe wie Klytemnästras Großmutter, wofür ihr, wenn die Ohren nicht trügen, von der Galerie ein strenges Buh erteilt wurde. Das falsche Knuspern und Knäuschen scheint bei einem Tenorbuffo wie dem verstorbenen David Thaw besser aufgehoben, auch wenn das nicht dem Willen des Komponisten entspricht.

Vom Hänsel zur bösen Fee

Der war auch am Sonntag nicht gefragt, als sich Brigitte Fassbaender, der Premieren-Hänsel von 1965, im Prinzregententheater einer Humperdinck-Rarität widmete. Das wackere Rundfunkorchester stellte dort „Dornröschen“ zur Diskussion. Die Charakterisierung seitens des Komponisten als „Ausstattungsstück mit allerhand Musik“ hätte die Verantwortlichen warnen müssen: Es ist eine opulente Schauspielmusik knapp oberhalb der Operngrenze mit viel Tschindarassabum, aber ohne den unverwüstlichen Charme von „Hänsel und Gretel“ oder der „Königskinder“.

Humperdinck trieb in „Dornröschen“ die heikle Idee des Sprechgesangs auf festen Tonhöhen um, der wie in Schönbergs „Pierrot lunaire“ oder Bergs „Wozzeck“ mit durchgekreuzten Noten in der Partitur festgehalten wurde. Dirigent Ulf Schirmer machte damit kurzen und respektlosen Prozess: Alles wurde mit ganz normaler Stimme geschmettert. Zum Ausgleich sprach die Fassbaender als böse Fee die paar Noten, die sie eigentlich singen sollte. Aber sei’s drum: So bedeutend ist das Werk nun wieder nicht, als dass wir es noch einmal richtig hören möchten.

Robert Braunmüller

 

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