Klassik Dichter im Berliner Schick

Rühmenswerter Gesang: Dietrich Henschel als Empedolkes in der Peter Ruzickas "Hölderlin" an der Berliner Staatsoper Foto: dpa

Peter Ruzicka, der Chef der Münchner Musiktheater-Biennale bringt seine Oper über Hölderlin in Berlin zur Uraufführung

 

"Eine Expedition“ nennt der Komponist sein neuestes Bühnenwerk. Eine Forschungs- und Bildungsreise also in die Welt des Friedrich Hölderlin, in die philosophischen Abgründe des im Tübinger Turm dahinvegetierten Dichters. Keine biographische Oper im Sinne eines Dramas wollte Ruzicka schreiben, sondern die klangliche und szenische Umsetzung eines höchst komplexen Gedankengebäudes! Es geht um die ewige Sehnsucht des Menschen nach Einheit mit sich und der Natur, mit sich und der Welt.

Peter Ruzicka und sein Librettist Peter Mussbach haben den waghalsigen Versuch unternommen, solch differenzierte Denkprozesse in musikalisch-szenische Sprache zu übersetzen. Sie sind damit grandios gescheitert. In der Imagination eines Dichters und seiner literarisch erfundenen Figur Empedokles erleben zwölf Menschen und genausoviele Götter Griechenlands ein wiedergefundenes Leben. Die Zeit läuft rückwärts: Alle Akteure beginnen den Strudel ihres Daseins gewissermaßen von vorn, bis sie sich der Utopie einer Versöhnung von Natur und Kosmos hingeben.

Was hier in zweistündigem Szenenablauf über die Berliner Bühne ging, ist die sprachliche und musikalische Vereinfachung von Denkprozessen und deren poetischer Reflexion. Ruzickas Musik entbehrt jeder strukturellen Dichte und formalen Konzeption.

Zu schön, um wahr zu sein

Banale Kantilenen der Streicher werden bis zum Überdruss strapaziert. Was bisweilen an Mahler gemahnen könnte, ist von dessen Suggestivkraft meilenweit entfernt. Wie zufällig greift Ruzicka dann immer wieder auf Versatzstücke zeitgenössischer Musik zurück und schwärzt die simplen melodischen Floskeln durch modisch-schicke Geräuschelemente ein. Man fragte sich ernsthaft, ob Ruzicka dem Griff in die Trickkiste erprobter Effekte nicht allzu häufig erlegen war.

Jedenfalls wird mit solch simplen musikalischen Verfahrenweisen Hölderlins philosophische Poesie auf niedrigstem Niveau karikiert. Die pausenlosen zwei Stunden hätten sich zur Ewigkeit ausgeweitet, wäre da nicht Torsten Fischers Regiekonzept gewesen: Die episch zerdehnten Musikabläufe wurden mit ausbalancierter Langsamkeit abgefangen, und den Revolutionsszenen des dritten Aktes fehlte glücklicherweise jeglicher aktueller politische Bezug.

Das Ineinanderwirken von zwölf Sängern (die Götter) und zwölf Schauspielern (die Menschen) nutzte Fischer zu einer Trennung beider Ebenen. Mit der zerbrechlichen Transparenz des Bühnenbilds (Herbert Schäfer) stand ihm eine ästhetisch überzeugende Szene zur Verfügung. Dass die Akteure durch ein riesiges Wasserbecken waten mussten, setzte dagegen keine erhellende Deutung frei.

Der Premierenbesetzung aus Schauspielern, Sängern sowie dem Chor und Orchester der Staatsoper unter Leitung des Komponisten steht herausragender Rang zu, allen voran Dietrich Henschel als Empedokles. Die bisweilen schmerzhafte Erneuerung und Verjüngung der Staatskapelle hat sich wieder einmal als Segen erwiesen.

Rüdiger Schwarz

Wieder am 21., 25., 29. 11. und 2. 12., Karten: www.staatsoper-berlin.org

 

0 Kommentare