Klassik am Odeonsplatz in München Spanisches Feinschmeckern

Ideale Bedingungen: Julia Fischer mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bei „Klassik am Odeonsplatz“. Dirigent Pablo Heras-Casado (kleines Bild) stammt aus Granada. Foto: Michael Malfer/Marcus Schlaf

Julia Fischer und das BR-Symphonieorchester unter dem Dirigenten Pablo Heras-Casado mit einem spanischen Programm bei „Klassik am Odeonsplatz“.

Der unvermeidliche Spruch vom schönsten Konzertsaal Münchens blieb heuer ungesagt. Denn die verpackte Theatinerkirche widersprach dem doch ein wenig. Aber wenn das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf der Bühne sitzt, kann sich der städtische Kulturreferent Hans-Georg Küppers eine Bemerkung zur meistdiskutierten Kulturbaustelle der Stadt nicht verkneifen.

Wenn’s mit der zweiten Stammstrecke nichts wird, könnte man doch auch auf dem Marienhof bauen, sagte Küppers am Ende seiner Begrüßung. Ein Witz? Höchstwahrscheinlich. Aber bei der Konzertsaaldebatte sind die heftigsten Wendungen an der Tagesordnung. Auch der Sänger Christian Gerhaher hat den Marienhof in Interviews als Bauplatz vorgeschlagen. Nicht wenige Konzertbesucher nahmen Küppers’ Vorschlag ernst und diskutierten in der Pause über die abwegige Idee, die einzige kommerzfreie Grünfläche im Herzen Münchens zu bebauen.

Aber das war auch schon die einzige Trübung dieses wunderbaren Abends. Das Gewitter zu früherer Stunde hatte nur ein paar Pfützchen auf den 8000 Plastikstühlen hinterlassen. Die Temperaturen waren angenehm, die Stimmung sommerlich, der Odeonsplatz ausverkauft.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielte spanisch gefärbte Stücke von Manuel de Falla und französischen Impressionisten. Claude Debussys „Iberia“ wirkte vielleicht doch am stärksten: Leise Musik ist am Odeonsplatz fast immer effektvoller als laute Kraftmeierei.

Der Spanier Pablo Heras-Casado dirigierte mit Temperament, Erotik und Esprit. Die Auszüge aus Manuel de Fallas „Der Dreispitz“ und „La vida breve“ strotzten nur so vor prallem Leben. Das Orchester spielte wunderbar. Und auch die Verstärkung wird jedes Jahr ein paar Prozent natürlicher. Vor allem in den vorderen Blöcken, wo der natürliche Klang eher dezent nachgewürzt wird.

Sergej Prokofjews eher ernstes Konzert Nr. 2 für Violine und Orchester kontrastierte trotz der Kastagnetten im Finalsatz ein wenig mit der hispanischen Lebensfreude. Aber es war das ideale Stück für das energiegeladene Geigenspiel der in München geborenen Julia Fischer. Als Zugabe folgte ein wahres Virtuosenstück: die „Tzigane“ von Maurice Ravel. Selten klang Schweres so leicht.

Diese Kunst beherrscht auch der Moderator. Roger Willemsen bringt Witz mit Sachkunde zusammen. Wenn er zungenschnalzend über die Musik feinschmeckert, läuft einem sofort das Wasser im Mund zusammen. Und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks kann alle versprochenen Genüsse restlos einlösen. Als zweite Zugabe spielten Chor und Orchester den Einzug der Stierkämpfer aus Georges Bizets unverwüstlicher „Carmen“. Den dürften Opernfans ohne weiteres erkennen. Aber wer komponierte den reizenden Chor mit klatschenden Frauen?

Nett wäre es übrigens, wenn der Dirigent zum Mikrofon greifen würde, um dieses kaum bekannte Stück anzusagen. Es war ein Stück aus einer spanischen Operette, einer Zarzuela: der „Coro de barquilleros“ aus „Agua, azucarillos y aguardiente“ von Federico Chueca. Auf Deutsch lautet der Titel des 1897 in Madrid uraufgeführten Einakters „Wasser, Zucker und Schnaps“. Klingt nach Kopfschmerzen, war aber rückstandslos berauschend wie der ganze Abend. Aber halten Sie unsere Zeitung nicht für allwissend: Auch wir mussten nachfragen.

 

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