Klassik am Odeonsplatz Der zweite Abend mit Valery Gergiev und Yuja Wang

Hand aufs Herz und galant den Vortritt lassen: Valery Gergiev beim formvollendeten Umgang mit der stahlenden Yuja Wang auf der Feldherrnhallenbühne. Foto: BrauerPhotos/G.Nitschke

Die Pianistin Yuja Wang und die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev bei "Klassik am Odeonsplatz".

 

Ein großer Redner ist er nicht, unser Oberbürgermeister. Die Theatinerkirche schaue nun wieder so aus, "wie sie gehört", sagte Dieter Reiter in seiner Begrüßung am zweiten Abend bei "Klassik am Odeonsplatz". Und die Baustelle in der Residenz "hätte man sich sparen können". Etwas Granteln, keine großen Worte. Das wirkt echt.

Hauptredner waren am Sonntagabend ohnehin die Münchner Philharmoniker und ihr Chefdirigent Valery Gergiev. Und die Pianistin Yuja Wang. Der wird immer wieder nachgesagt, dass bei ihr vor allem das männliche Auge mithöre. Zu Unrecht – sie ist eine ernsthafte Interpretin, wenn auch nicht die erste Wahl für die Musik von Johannes Brahms.

Yuja Wang erschien in einem sommerlichen Nichts in glitzerndem Neon-Apricot. "Na, a bisserl was hat’s ja wenigstens an", war der Kommentar eines hohen Herren der Philharmoniker-Förderer in der vierten Reihe. Dann zergrübelte Valery Gergiev mit den Philharmonikern den donnernden Einstieg des Klavierkonzerts Nr. 1 ins Abgeklärte. Die anfangs zu diskrete Verstärkung unterstrich den Zug ins Lyrische. So wirkte der erste Einsatz der Solistin nicht als der Gegensatz, den Brahms gemeint hat.

Schrittweise raufte sich alles halbwegs zusammen: In der Durchführung entdeckten Yuja Wang und Gergiev eher die konfliktträchtige Seite dieses Konzerts. Die nivellierende Verstärkung blieb ein wenig mulmig und zähmte die tigerhaft wilde Wut dieses Konzerts zum Schmusekätzchen. Der langsame Satz fügte sich in diese Auffassung am besten. Aber auch im Finale störte ein wenig der Zug ins Lyrische und Manierierte, der diesem Konzert eigentlich fremd ist.

Akkord-Kaskaden stürzten herab wie ein Wasserfall

Die in den USA lebende Chinesin blieb den technischen Schwierigkeiten des Konzerts nichts schuldig. Die Akkord-Kaskaden stürzten herab wie ein Wasserfall, die Trillerketten sprudelten – nicht wie ein Wildbach, eher wie ein Barock-Springbrunnen. Erst bei den Zugaben zeigte Yuja Wang ihre schöne Pranke: Erst gab es das "Precipitato" aus Sergej Prokofjews Sonate Nr. 7 und die verschärfte Version des "Türkischen Marschs" von Mozart. Den kennt nun wirklich jeder, prompt pfiff mancher Besucher mit: soweit es ging, denn die Wang’sche Bearbeitung schweifte bald in staunenswerte Extreme ab.

Nach der Pause dirigierte Gergiev die "Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgsky in der Instrumentierung von Maurice Ravel. Ein Stück, wie geschaffen für den Odeonsplatz. Das Vergrößerungsglas, das die Tontechnik über manche Passage legte, brachte viele Details ans Licht, die im Konzertsaal untergehen: etwa die Harfe in der Promenade vor dem "Ballett der unausgeschlüpften Küken" und im Nachspiel von "Bydlo".

Saison-Abschluss lässt hingeschluderte Konzerte im Rest-Jahr vergessen

Gergiev brachte seine Stärken zusammen: den Klangsinn und seine Lust an spontaner Gestaltung. Dann marschierten alle mit Pomp durch das "Große Tor von Kiev", bis der Dirigent in einer spannungsvollen, riskant lang gehaltenen Generalpause die Zeit anhielt.

Ein solcher Saison-Abschluss lässt manch hingeschludertes Konzert im Rest-Jahr vergessen. Und um den Eindruck voll zu machen, gab’s noch einen Ausschnitt aus Tschaikowskys "Nußknacker" und die blankpolierte Ouvertüre zu Glinkas "Ruslan und Ludmilla" als Zugabe.

Sportlich gesprochen endete das Lokalderby der beiden Münchner Orchester am Odeonsplatz dank Yuja Wang und Valery Gergiev mit einem klaren 4:2 für die Münchner Philharmoniker. Die spielten traditionell bei diesem Konzert ein normales Programm, das so auch im Gasteig möglich wäre.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks kann am Odeonsplatz leider nie seine Stärken ausspielen: Den Chefdirigent will man hier nicht verheizen. Aus Rücksicht auf das leicht ranzige Klassik-Verständnis des übertragenden Fernsehens muss es ja immer noch allerlei Schmankerl geben, die nicht zum Image dieses Orchesters passen. Und so spiegelt dieses Saison-Finale regelmäßig nicht unbedingt die Spielstärke von Mannschaft und Trainer unterm Jahr wieder.


Livestream beider Konzerte: noch 90 Tage unter www.br-klassik.de

 

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