Klassik am Odeonsplatz Beethovens Neunte gegen den Terror

Hannes Läubin bläst das Trompetensignal in der "Leonoren"-Ouvertüre Nr. 3. Foto: Peter Meisel

Ein Appell gegen Terror und Gewalt: Beethovens Neunte mit Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am zweiten Abend von „Klassik am Odeonsplatz“

 

Wir widmen dieses Konzert den Opfern des Terrors in Paris, Bagdad, Brüssel und Nizza“, sagte der städtische Kulturreferent Hans-Georg Küppers, als er mit dem BR-Hörfunkdirektor Martin Wagner die 8000 Besucher bei schönstem Sommerwetter am Odeonsplatz begrüßte. Der Entschluss, Ludwig van Beethovens Neunte mit ihrer Beschwörung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Schluss-Satz aufzuführen, sei schon im November 2015 nach den Anschlägen in Paris gefallen. Küppers beschwor „Freiheit, Frieden, Solidarität und Einheit in der Vielfalt“ und rief dem Publikum zu: „Jetzt erst recht!“

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks begann den zweiten Abend von „Klassik am Odeonsplatz“ mit der Ouvertüre Nr. 3 zu Beethovens „Leonore“. Die Fern-Trompete, die in der Oper die rettende Ankunft des Ministers verkündet, erklang aus einem Fenster im hinteren Teil des Platzes an der Ecke zur Brienner Straße. Nach diesem hitzigen Stück kühlte Robert Schumanns „Nachtlied“ die Stimmung vor der Pause ziemlich herunter – eine vom Chor des Bayerischen Rundfunks gewiss meisterlich dargebotene, aber musikalisch eher fade Sammlung romantischer Gemeinplätze zur Nacht.

Nach der Pause dann Beethovens Symphonie Nr. 9 mit der „Ode an die Freude“ nach einem Text von Friedrich Schiller als Finale. Daniel Harding dirigiert Beethoven unter dem Einfluss der Originalklangbewegung: nicht als pathetische Staatsmusik und Teutonen-Getöse, sondern mit dramatischem Drive und leidenschaftlichem, mitreißendem Feuer.

Ein Widerwort gegen Hass und Gewalt

Der Orchesterklang wirkte bisweilen ein wenig unpersönlich und pauschal: Die Verstärkung wird zwar jedes Jahr noch besser, aber die klanglichen Detail-Finessen von Hardings Ansatz kamen nicht immer mit letzter Deutlichkeit heraus.
Der langsame und oft auch paradiesisch langweilige Adagio-Gesang blühte dank der ziemlich raschen Tempi des britischen Dirigenten auf. Dann die aufrüttelnden Fanfaren, die Mahnung des Bariton-Solisten (Gerald Finley) und das himmelstürmende Finale. Harding hatte ein gut aufeinander abgestimmtes Solisten-Quartett: außer Finley noch Annette Dasch (Sopran), Elisabeth Kulman (Alt) und Andrew Staples (Tenor). Harding steigerte das Stück wirkungsvoll zwischen den Ruhepunkten und Ekstasen, die Sopranistinnen im Chor des Bayerischen Rundfunks meisterten auch die Extremlagen klangschön.

Die Sternenzelt-Episode setzte einen Ruhepunkt – auch dank des Leuchtens der Streicher durch den Verzichts auf auf ein Vibrato. Ab der Wiederkehr der Freudenmelodie erstrahlte die Feldherrnhalle in Blau-Weiß-Rot, den Farben der Trikolore. Es ist nicht einfach, Beethovens Utopie der Menschheitsverbrüderung zum Klingen zu bringen. Hier, auf dem Odeonsplatz, gelang dies – für einen Augenblick wenigstens, als musikalisches Widerwort gegen Hass und Gewalt. Mehr kann ein Konzert an einem (wenigstens in München friedlichen) Sommerabend nicht leisten.

 

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