Kino Neustarts Trau, schau, wem?

Der Rostocker Hafen in den 80ern als Tor zum Meer und damit zur Welt: Matze (l-r, Ronald Zehrfeld), Conny (Alexander Fehling) und Andy (August Diehl) am Rostocker Hafen in dem Drama «Wir wollten aufs Meer» Foto: Central Foto: azkt

Es gibt zwei filmische Probleme beim Umgang mit geschichtlicher Vergangenheit: Entweder ein Film verwendet sie nur, um eine Story durch den Geschichtshintergrund künstlich interessant zu machen. Dann wird Geschichte nur dramaturgisch ausgebeutet. Oder aber, ein Film versucht selbst Vergangenheitsbewältigung. Dann aber ist er oft nur was für Spezial-Interessierte und uninteressant für die Mehrheit. "Wir wollten aufs Meer" hat beide Fehler nicht gemacht, sondern zwei Stärken miteinander kombiniert. Es ist ein universeller Film um Freundschaft, Lebensträume und die Frage: Wie weit lasse ich mich mit dem Teufel ein, um Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen.

Die DDR ist hier nicht nur Folie, um mit Stasi-Methoden, Eingesperrt-Sein und Anpassungsdruck zusätzlich Dramatik zu erzeugen. Sondern - wie schon in Donnersmarcks "Das Leben der Anderen" - ist hier im Rostock der 80er Jahre die DDR fast riech- und schmeckbar von der schweren Kleinbürger-Rustikalität, dem deutschen Mittagstisch, den Kunstleder-Polstern der Büro-stühle oder dem Resopalgeruch der Vernehmungsräume.

 

Flucht-, Liebes- und verrats-Drama, dann grandioses Kammerspiel und immer hochemotional

Zwei Freunde (Alexander Fehling und August Diehl) wollen raus, zur See, also nach Rostock, dem einzigen Hochseehafen der DDR. Nach Jahren schwerer Werftarbeit eröffnet sich die Chance: Zur Handelsmarine, aber nur, wenn die beiden sich als Spitzel für die Stasi betätigen und so Loyalität zum System beweisen. Dieses Verraten im eigenen Freundeskreis wird nicht nur die Freundschaft zerstören. Die Lebenswege trennen sich radikal: der eine (Fehling), ein draufgängerischer Systemverweigerer, der nach gescheiterter Republikflucht im Gefängnis landet; der andere (Diehl) wird - psychisch von seiner Schmutzarbeit aufgerieben - zum Stasioffizier.

Dem jungen Regisseur Toke Constantin Hebbeln gelingt noch ein weiterer Coup: Zum hochemotionalen Flucht-, Liebes- und Freundschaftsdrama kommt dann ein beklemmendes Gefängnis- und Ver- und Abhör-Kammerspiel mit extrem packenden Innenansichten eines totalitären Systems (mit einem väterlich-zynischen Rolf Hoppe als Mielke-Figur). Wer eine Idee von diesem Meisterwerk bekommen will, stelle sich die Intensität von "Das Leben der Anderen" vor in Kombination mit der klugen Action des TV-Films "Der Tunnel". Nicht zufällig hat auch Nico Hofmann den Film produziert.

Kino: City, Mathäser, Monopol, Münchner Freiheit R: Toke Constantin Hebbeln (D, 116 Min.)
 
 

 

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