Kino Ein Traum von einem Thriller

was ist wahrheit, was ist Schein, finden muss er es allein: Leonardo DiCaprio in Christopher Nolans "Inception". Foto: warner bros

„Inception“:Christopher Nolan gelingt ohne 3D der Aufbruch in eine neue, psychologische Action-Dimension

 

8Der Traum von der Traumdeutung ist so alt, wie die Zivilisation. Unsere von Ort, Zeit und Raum losgelösten Nacht-Bilder schienen von außen eingegebene Schicksals-Botschaften zu enthalten.

Selbst die moderne Wissenschaft – beginnend mit Siegmund Freuds Traum-Symbolanalyse – hat den mythischen Zauber der Träume nicht zerstören können. Zwar wissen wir, dass wir schlafend keine göttliche Sphäre betreten, aber dafür eine nicht minder geheimnisvolle: unser Unterbewusstsein.

In „Inception“ betritt der Zuschauer mit der Hauptfigur (Leonardo DiCaprio, Interview in der Kino-Stadt) nicht nur eine Traum-Ebene, sondern durch Träume im Traum bis zu vier Tiefenebenen. Und, als ob es nicht schon kompliziert genug wäre, um den Überblick zu behalten, spielt Christopher Nolans („Insomnia“, „The Dark Knight“) Film noch mit der Idee, dass man die Träume von Menschen quasi verkabeln kann, also miteinander verbinden: So bekommt man plötzlich nicht nur Eingang und Einblick in das, was der andere träumt, sondern auch Einfluss.

Damit ist einer Art Mental-Kriminalität Tür und Tor geöffnet. Und DiCaprio ist – und das ist bereits ein fantastischer Bruch mit Zuschauererwartungen – nicht unser guter Traumheld, sondern ein dubioser Mental-Krimineller mit Industrie-Spionage-Plan. Aber in seiner tiefsten Unterbewusstseins-Ebene begegnen wir auch dem Schlüssel seiner verzweifelten Härte: Schuld – am Tod der Frau, die ihn liebte, weil er seine Macht der Traummanipulation an ihr missbrauchte. Jetzt zieht sie ihn immer wieder – wie eine Sehnsuchts-Meerjungfrau den Schiffer – in die Unterbewusstseins-Tiefe, um ihn dort zu behalten.

Was unheimlich psycholdelisch und psycho-technisch klingt, hat Nolan zu einem echten Action-Thriller gemacht. Der Zuschauer ist gebannt und über zweieinhalb Stunden so konzentriert, dass man selbst in eine Art Spannungs-Hypnose gerät, die Popcorn- oder Pinkel-Pausen zur Gefahr werden lassen, den Überblick zu halten.

Ähnliches hatten 1999 schon die Wachowski-Brüder mit „Matrix“ ziemlich aufgeblasen und pseudo-mythisch gemacht. Aber „Inception“ hat demgegenüber viel mehr psychologische Wucht, baut intelligent unbewältigte Vater-Sohn-Konflikte und komplexe Schuldverstrickungen ein. Das liegt auch daran, dass sich Nolan trotz der Aufhebung von Raumdimensionen in den Träumen, nicht auf große Computer-Animationsspielchen eingelassen hat, sondern weitgehend echte Kulissen verwendet hat, was den Räumen eine fast fühlbare Plastizität verleiht. So ist „Inception“ ein faszinierend echter Mental-Thriller geworden, den sich viele sicher gleich mehrmals anschauen werden. Und am Ende wird man sich in den Arm kneifen, um zu erkenenn, dass man wieder in der Wirklichkeit des Kinosessels gelandet ist. Ob die Rückkehr in die Wirklichkeit DiCaprio im Film gelingt, bleibt offen, wie auch eine sich anbahnende Liebesgeschichte. Hier hat sich Nolan eine Tür zu Teil 2 offengelassen.

Adrian Prechtel

 

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