Kent Nagano hat einen arbeitsreichen Sommer vor sich: Am Sonntag dirigiert er im Gasteig Mahler, wenig später die BR-Symphoniker und danach Henzes „Bassariden“ 

Im Juni und Juli gastiert Kent Nagano gleich zweimal in München. Am Sonntag leitet er die „Auferstehungs-Symphonie“ Nr. 2 von Gustav Mahler mit dem Deutschen Symphonie-Orchester und dem Audi-Jugendchor. Beim BR-Symphonieorchester setzt Nagano hingegen seine Messiaen-Reflexion fort (5. und 6. Juli). Wenig später eröffnet er mit dem Orchestre Symphonique de Montréal (OSM) die Salzburger Festspiele, wo er auch die „Bassariden“ von Hans Werner Henze leitet. Heute erscheint eine Bernstein-Hommage auf CD, mit der Nagano und das OSM den 100. Geburtstag den Dirigenten und Komponisten würdigen.
Beim Gespräch ist Nagano bewegt vom plötzlichen Tod von Enoch zu Guttenberg. Zuletzt hatte er Projekte mit der Chorgemeinschaft Neubeuern und der „KlangVerwaltung“ realisiert: darunter in Hamburg, wo Nagano seit 2015 an der Staatsoper wirkt.

AZ: Herr Nagano, wie haben Sie den Tod von Enoch zu Guttenberg erlebt?
KENT NAGANO: Es ist für mich sehr traurig, weil wir zuletzt Freunde geworden waren. Ich habe ihn sehr bewundert für seine starke künstlerische Vision. Sie kam aus einer enormen Passion heraus. Kürzlich musste er ein Konzert bei uns in Hamburg mit den dortigen Philharmonikern absagen: Beethovens Neunte. Schon bei den Proben fühlte er sich krank und schwach. Es ist für uns alle ein furchtbarer Schock, dass wir ihn verloren haben.

Und jetzt, kurz nach Guttenbergs Tod, dirigieren Sie Mahlers „Auferstehungs-Symphonie“ im Gasteig. Verwenden Sie wie Mariss Jansons die neue Ausgabe von Gilbert Kaplan?
Wir verwenden die Universal-Edition, mit einigen Ergänzungen aus der Kaplan-Version. Viele Ideen in der Ausgabe Kaplans sind sehr provokant, insbesondere die Tempi. Bei Mahler ist die Wahl der Tempi eine sehr zentrale Frage.

Wie halten Sie es mit den freien Veränderungen im Zeitmaß?
Das Rubato ist mit jeder Musik eng verbunden, weil es eine Art lebendige Atmung repräsentiert, auch eine gewisse Flexibilität und Freiheit. Ich nutze das Rubato oft in unterschiedlicher Weise, um einen Prozess zu beschreiben: fernab vom rein metronomischen Puls. Deswegen ist das Rubato für jede Interpretation wichtig. Die Frage ist jedoch, in welchem Ausmaß. Die größte Gefahr ist, aus dem Rubato eine Einladung zu Sentimentalität abzuleiten. Das ist in jeder Musik problematisch, aber ganz besonders bei Mahler. Eine solche Emotionalität wäre eine Selbstverwirklichung auf Kosten Mahlers, weil sie sich über den Gehalt der Musik hinwegsetzte.

Seit geraumer Zeit scheint die Weltordnung aus den Fugen. Brauchen wir auch politisch eine „Auferstehung“?
Es herrscht derzeit ein Gefühl der Instabilität und Unsicherheit vor. Dieses Gefühl kann nicht nur soziale Spaltungen erzeugen, sondern auch sehr viel Einsamkeit, zumal wir auf viele Fragen keine Antworten zu haben scheinen. Dadurch werden die Fragen immer größer und mehr. Dies ist thematisch das Fundament in Mahlers Zweiter, auch wenn es kein Programm im direkten Sinn gibt. Mahler lässt uns jedoch mit vertonten Texten und musikalischen Zitaten zurück, die Fragen stellen. Klar ist aber auch: Ich bin Musiker und kein Politiker.

Trotzdem dirigieren Sie bei den Salzburger Festspielen mit „Die Bassariden“ von Hans Werner Henze eine Oper, die nicht zuletzt die blinde Unterwürfigkeit des Volkes hinterfragt.
Henze war generell ein politischer Komponist. In den „Bassariden“ geht es nicht nur um Macht, sondern um Identität und Herkunft. Es geht um innere Konflikte, und das passt zur Entstehungszeit rund um das Jahr 1966. Die Attentate auf John F. Kennedy oder Martin Luther King: In den USA gab es größte soziale Konflikte. Andererseits eröffnen wir mit dem Montrealer Symphonieorchester die Salzburger Festspiele mit der „Lukaspassion“ des Polen Krzyszstof Penderecki, ebenfalls von 1966. Wenig später wurde der Prager Frühling von Sowjettruppen niedergeschlagen.

Zuvor dirigieren Sie in München bei den BR-Symphonikern „Chronochromie“ von Ihrem Lehrmeister Olivier Messiaen. Was hat Ihnen Messiaen zu dem Werk gesagt?
Wir haben sehr intensiv an dem Stück gearbeitet. Einige Aspekte des Werks sind in seine Oper „Saint François d’Assise“ eingeflossen, bei deren Uraufführung ich assistiert hatte. Das berührt vor allem die berühmt-berüchtigte Episode in der Oper mit dem Gesang der Vögel. Messiaen hatte eine sehr eigene Sicht auf die Zeit als Phänomen. Eines Abends bekannte er mir, dass er ein Problem mit amerikanischem Jazz habe: weil da kein Rhythmus darin sei.

Eine sehr gewagte These.
Als Amerikaner hat mich das wirklich überrascht, aber er beharrte darauf. Für Messiaen war echter Rhythmus frei von Entwicklung und Durchführung, eben weit entfernt von der Tyrannei eines Pulses wie im Jazz. Man ist entweder mit dem oder gegen den Takt. Für Messiaen war das kein lebendiger Rhythmus mit einer natürlichen Atmung. Ohne das existierte für ihn kein Rhythmus.

Leonard Bernstein, von dem Sie jetzt „A quiet place“ auf CD eingespielt haben, verarbeitet in seinen Werken viel Jazz. War er als Komponist für Messiaen ein „Tyrann des Pulses“?
Nein, beide hatten eine enge Beziehung. Immerhin realisierte Bernstein die Uraufführung von Messiaens „Turangalîla-Symphonie“. „A quiet place“ ist ein starkes Statement, aber: Die ursprüngliche Fassung ist sehr ausladend besetzt, so dass die Stimmen nicht durch das Orchester dringen können. Wir haben in den späten 1980er Jahren daran gearbeitet. Meine Idee war, das Orchester deutlich zu reduzieren, um es transparenter zu machen. Laut seiner Familie wollte das auch Bernstein selbst. Diese Version haben wir jetzt eingespielt.

In der letzten Spielzeit von Nikolaus Bachler kommen Sie wieder an die Bayerische Staatsoper. Warum hat das so lange gedauert?
Keine Sorge, da ist nichts Persönliches im Spiel. Das wäre ein totales Missverständnis. Der Kontakt zum Bayerischen Staatsorchester war immer sehr außergewöhnlich. Ich wurde wiederholt eingeladen, aber es gab terminliche Probleme. Nun kam Herr Bachler in generöser Weise persönlich auf mich zu, um mich zu fragen, ob ich nicht Teil seiner Abschiedssaison sein wolle. Ich freue mich sehr darauf.   

Kent Nagano dirigiert am Sonntag um 20 Uhr Mahlers Symphonie Nr. 2 mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und der Audi-Jugenchorakademie im Gasteig. Restkarten unter 93 60 93 und bei Münchenticket. Karten für die „Bassariden“ bei den Salzburger Festspielen unter www.salzburgfestival.at