Karl May zum 100. Todestag Germanenkram und Gummimesser

Die Puppe eines Dakota-Haeuptlings in Festtagskleidung steht in der Villa Baerenfett des Karl-May-Museums in Radebeul. Foto: dpa

Wie genau nahm es der Indianerfreund Karl May mit der Realität des roten Mannes?

Vor 100 Jahren starb Karl May. Er hat den Deutschen die Indianer als Edle Wilde nahe gebracht, aber nach Amerika reiste er erst lange Zeit nach der Fertigstellung der "Winnetou"-Bücher. Sein Wissen hat er sich angelesen.

 

AZ: Als Völkerkundler muss man mit Karl May vermutlich auf Kriegsfuß stehen?

WOLFGANG STEIN: Schon. Aber die traditionelle Völkerkunde hat sich mit Karl May auch nie besonders intensiv auseinander gesetzt. Für die universitäre Ethnologie hat er einfach keine Bedeutung.

War er denn wenigstens ein guter Hochstapler?

Nicht wirklich, auch wenn seine Beschreibungen aufs Erste kenntnisreich wirken. Aber mit der Realität der indianischen Kulturen hat das nichts zu tun. Unglaublich genau sind dafür die topografischen Schilderungen, darauf hat er großen Wert gelegt. Es gibt bei ihm eine Wegbeschreibung in Arizona, die man heute noch exakt so nachgehen kann.

Hatte er denn so gutes Kartenmaterial?

Unbedingt. In seiner Handbibliothek gab es zirka 70 Bände über Nordamerika. Wir wissen sehr genau, aus welchen Quellen er seine Informationen bezogen hat. Wobei man sich schon fragt, wie gut er englisch lesen konnte...

Und dazu hat er sich seine Indianer gebastelt?

Karl May hat die völkerkundlichen Quellen wie einen riesigen Steinbruch verwendet. Seine Indianer haben Federschmuck, aber den gab’s im Südwesten, wo Winnetou spielt, nicht in dieser Form. Die wirklichen Apachi haben sich auch ganz anders als die Plains- oder Prärie-Indianer gekleidet. Außerdem hat May das Gesellschaftliche, die Organisation eines Stammes, überhaupt nicht interessiert.

Welche Fehler hat er sich denn sonst noch erlaubt?

Winnetou und Old Shatterhand ritzen sich die Unterarme auf – Blutsbrüderschaft gibt es so in indianischen Kulturen nicht. Wir kennen das vor allem bei den Germanen. Dann leben nicht alle Indianer in Tipis, Marterpfähle existierten in der Gegend, die May beschreibt, auch nicht, sondern vor allem im Osten der USA. Auch die Kanus passen nicht, und in den Büchern skalpieren Stämme, die das nie getan haben.

Hauptsache exotisch?

Ja, wir sind damals mitten in der Kolonialgeschichte. Die Wild-West-Shows waren extrem populär – denken Sie an Buffalo Bill. Auch da hat sich May sicher bedient.

Hätte er es denn besser wissen können?

Zu seiner Zeit gab es schon etliche fundierte Berichte über die Indianer. Aber wer weiß, ob er mit differenzierteren Beschreibungen diesen Erfolg gehabt hätte.

Sie haben als Jugendlicher sicher auch Karl May gelesen.

Natürlich. Winnetou, alle drei Bände, ich bin auch noch im Besitz einer älteren Ausgabe. Es gibt übrigens einen amüsanten Zufall: Mit meinen Eltern war ich gerade in Jugoslawien im Urlaub, als die Winnetou-Filme gedreht wurden. Als ich die Indianer mit ihren Holzschildern und Gummimessern gesehen habe, konnte ich das alles erst recht nicht mehr ernst nehmen.

Also keine Friedenspfeife mit Karl May?

Nein. Obwohl er das Schicksal des roten Mannes in der Einleitung zu „Winnetou I” mit flammenden Worten anprangert. Immerhin: Die Friedenspfeife gab’s wirklich.

 

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