Karibik Nach Kuba - bevor es zu spät ist!

Baracoa - Es ist unmöglich, dieser Musik zu entkommen. Sie tönt aus scheppernden Lautsprechern der Taxis, Bars oder Cafés. Aber sie entsteht in der Seele. Für die Kubaner ist der Musikstil der Insel, der Son Cubano und seine Spielarten, mehr als Musik. Er ist zugleich Sehnsucht und Erfüllung. Das eine geht nicht ohne das andere. Es ist das Lebensprinzip der Kubaner. Wer in diesem Land seine Verbissenheit nicht ablegt, überlebt nicht. Denn den Kubanern fehlt seit der „perioda especial“, der Wirtschaftskrise in den 1990ern, immer etwas. Geld, Freiheit, Rum, Klamotten. Oder alles auf einmal. Daher antworten sie auf ein simples „Wie geht’s?“ lächelnd mit „Luchando“ - ich kämpfe.

 

Auch Jorge (65) kämpft jeden Tag in Baracoa, dem lebendigen Küstenstädtchen am östlichen Zipfel des Inselstaates. In seiner Casa della Trova, einer klassischen Musikkneipe, ist er gleichzeitig Animateur, Kellner, Balladen-Sänger oder Salsa-Tänzer. Alles mit großer Lebensfreude, die er diesen karibischen Rhythmen verdankt. Ohne Musik könnte Jorge nicht leben. „Sie gibt mir Kraft“, sagt er und feiert weiter den Kampf des Lebens. Wie alle Kubaner. Sie kämpfen. Sie tanzen. Sie lieben. Sie hassen. Und sie verzeihen.

Ein CUC entspricht umgerechnet etwa 72 Cent

Vielleicht besitzt Kuba deshalb so eine magische Anziehungskraft. Seit jeher sind die Besucher der Karibik-Insel nicht nur von dem türkisblauen Meer und den Palmenstränden, dem tropischen Regenwald und den alten Kolonialbauten fasziniert. Immer sind es die Menschen, die das Kuba-Bild prägen. Ihre Identität durchzieht das Land, das sich sogar zwei Währungen leistet. Den Peso für das Volk und den CUC (Cuban Convertible Peso) - ein CUC entspricht umgerechnet etwa 72 Cent - für die Touristen. Kein Wunder also, dass die Kubaner wie der Teufel hinter der armen Seele den CUC nachjagen. Roberto (16) versucht sein Glück an einem Hotelstrand in Baracoa - als Bettler mit Würde. „Presente?“, fragt er, verschenkt aber gleichzeitig handgemachten Schmuck. „Kuba und die Revolution sind einzigartig auf der Welt“, sagt er strahlend, verleugnet jedoch nicht seine Wünsche: einen gut bezahlten Job und die Welt kennenlernen.

Stolz und Sehnsucht gehen Hand in Hand. Es gibt hier nie nur das eine. Auch wenn es die Propaganda an den Hauswänden - Sozialismus oder Tod - so will. Längst entwickeln sich unter Fidels Bruder Raul Castro milde Formen des Kapitalismus. Kuba leistet sich diese wirtschaftliche Parallelwelt und ist auch damit in gewisser Weise weltweit einzigartig. Statt des Logos von Coca-Cola, das sonst in den entlegensten Winkeln der Erde an jeder Ecke zu finden ist, regiert auf Kuba das zur Ikone gewordene Bild des Revolutionskämpfers Ernesto „Che“ Guevara samt dessen Botschaft. „Hasta la victoria siempre“ - bis zum endgültigen Sieg. Obwohl Che Guevara immer noch als Held verehrt wird und seine Ruhestätte in Santa Clara längst eine Pilgerstätte ist, sind etwa drei Viertel aller Kubaner eher unpolitisch. Wichtiger ist es in diesem kommunistisch geprägten Land, kluge Wege zu finden, um das System zu überlisten.

Roberto, der Strandbettler, nennt das „resolviendo“. Man muss Lösungen finden, darf aber nie seinen Optimismus verlieren. Wenn Politik die Kunst des Betruges ist, dann haben die Kubaner ihre eigene Kunst erfunden, das Leben zu meistern. Die höchste Trefferquote, Kuba in Reinkultur zu erleben, hat man in Baracoa, einem touristisch sehr unberührten Ort. Denn diese Enklave, die nur über holprige Pisten und schmale Serpentinen zu erreichen ist, wird kaum bereist. Aber wer die Strapazen auf sich nimmt, wird reich belohnt. Mit einer idyllischen Bucht, in der 1492 Columbus zum ersten Mal in Kuba an Land gegangen ist, mit Typen wie Jorge und Roberto oder einem sattgrünen Hinterland samt seinen Kakaoplantagen.

Das Paris der Karibik

Wer in kein Hotel will, also sein persönliches Cuba-Libre-Gefühl steigern will, sollte eine sogenannte Casa Particular als Unterkunft wählen. Für rund 20 CUC pro Nacht und Zimmer bucht man das echte Kuba mit. Das bedeutet freilich nicht, dass Havanna, die Hauptstadt, nicht authentisch wäre. Sie hätte sogar das Zeug dazu, das Paris der Karibik zu werden. Wenn da nicht der Wind, das Salz des Meeres und der Zahn der Zeit wären. Alles zusammen lässt den Mörtel und die Steine der mondänen Prachtbauten rieseln. Es macht aus Havanna eine Stadt, die sich zwischen Untergang und Aufbruch bewegt. Aber vielleicht verstärkt gerade dieser morbide Charme des Zerfalls die Lebenslust der Habaneros.

Ihre Flucht auf den Malecon, den kilometerlangen Boulevard, an dem sich das Meer bricht. Oder ihre Liebe zur Musik, dem Salsa oder dem Rum lassen erahnen, was auch Nobelpreisträger Ernest Hemingway so sehr an dieser Stadt liebte: ihre Menschen, die trotz aller Beschwernisse selten ihre Heiterkeit und Herzlichkeit verlieren. Wie lange dieses einzigartige Kuba noch in dieser Form existiert, weiß keiner. Noch wird die Perle der Karibik nicht vom weltweiten Massentourismus überrollt. Auch deutsche Urlauber sind eher selten zu sehen. Pro Jahr sind es rund 115 000. Allerdings droht irgendwann die große Welle aus den USA. Noch dürfen US-Bürger nur als Bildungsreisende getarnt zu ausgewählten Punkten fahren.

Doch wenn diese Einschränkung einmal fällt, sei es vorbei mit der Ruhe, den moderaten Preisen und der Einzigartigkeit, versichern Tourismus-Experten. Dann gibt es kein Entkommen mehr. Statt Musik verfolgt einen dann der für amerikanische Touristen typische Begeisterungsschrei: „Oh, my God!“

So wird das Wetter für die Weltreise

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading