75 Jahre Auschwitz-Befreiung Holocaust-Gedenken: Israel und Polen setzen auf Entspannung

Besucher gehen durch den Eingang mit dem Schriftzug "Arbeit macht frei" in das frühere Konzentrationslager Auschwitz in Oswiecim. Foto: Kay Nietfeld/dpa/dpa

Vor 75 Jahren befreiten Soldaten der Roten Armee das deutsche Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Vertreter aus 50 Ländern wollen in der Gedenkstätte dort an dieses Ereignis erinnern. Vor der Feier macht Israels Präsident Rivlin Polen ein versöhnliches Angebot.

 

Oswiecim - Zum Holocaust-Gedenken zeichnet sich eine Entspannung im Verhältnis zwischen Israel und Polen ab. Israels Präsident Reuven Rivlin lud seinen polnischen Kollegen Andrzej Duda zu einem Besuch ein.

"Wir möchten der polnischen Nation heute die Hand geben und bitten, dass wir erneut auf den Weg zurückkehren, den wir gemeinsam gehen können", sagte Rivlin in Oswiecim (Auschwitz) nach einer Begegnung mit Duda vor der Gedenkfeier in dem früheren deutschen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Duda hatte am Donnerstag nicht am Holocaust-Gedenken in Yad Vashem teilgenommen - aus Protest dagegen, dass die Organisatoren ihm kein Rederecht einräumen wollten. Dies hatte das polnisch-israelische Verhältnis belastet. In Yad Vashem hatten außer Rivlin unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Russlands Präsident Wladimir Putin gesprochen. Putin hatte die Polen zuvor mit Äußerungen über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs verärgert.

Zu der Gedenkfeier am Nachmittag trafen auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender in Polen ein. Sie nahmen an einem Rundgang durch das ehemalige deutsche Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau teil. Einheiten der sowjetischen Roten Armee hatten dieses vor genau 75 Jahren erreicht und mehr als 7000 noch lebende Häftlinge befreit. Viele von ihnen starben jedoch innerhalb kurzer Zeit an den Folgen von Hunger, Krankheiten und Erschöpfung.

In das Gästebuch der Gedenkstätte schrieb Steinmeier, er verneige sich in Trauer vor den Opfern und den Überlebenden. "Wir wollen und werden ihr Leid nicht vergessen. Diese Erinnerung ist aber auch Mahnung: Wer den Weg in die Barbarei von Auschwitz kennt, muss den Anfängen wehren! Dies ist Teil der Verantwortung, die keinen Schlussstrich kennt."

Steinmeier hatte sich am Morgen zunächst im Schloss Bellevue mit drei Überlebenden des Holocaust getroffen. Diese flogen anschließend zusammen mit ihm nach Polen. Vor der offiziellen Gedenkfeier hatten der Bundespräsident und seine Frau einen Gang durch das ehemalige Stammlager Auschwitz I geplant. Für beide war es der erste Besuch in Auschwitz.

Der Bundespräsident wurde von drei Holocaust-Überlebenden begleitet, darunter Mano Höllenreiner. Im Alter von neun Jahren wurde er gemeinsam mit seiner Familie von den Nazis nach Auschwitz verschleppt. "So etwas darf nie mehr wiederkommen", sagte Höllenreiner vor dem Abflug zu Journalisten. Es sei ganz schlimm, "dass es schon wieder so viele Nazis gibt". Er könne deswegen manchmal nachts schon nicht mehr schlafen. "Das ist eine Schande für Deutschland", sagte Höllenreiner.

Der Name Auschwitz hat sich als Synonym für den Holocaust und Inbegriff des Bösen weltweit ins Bewusstsein eingebrannt. Allein dort brachten die Nationalsozialisten mehr als eine Million Menschen um, zumeist Juden. In ganz Europa ermordeten sie während der Schoah etwa sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens.

Steinmeier hatte am vergangenen Donnerstag bereits am internationalen Holocaust-Forum in Yad Vashem teilgenommen. In einer Rede bekannte er sich zur deutschen Schuld am Holocaust und sagte den Schutz jüdischen Lebens heute zu. Er räumte ein, dass es in Deutschland wieder Übergriffe auf Juden und einen "kruden Antisemitismus" gebe. Der Bundespräsident betonte, es dürfe kein Schlussstrich unter das Erinnern an den Holocaust gezogen werden.

Auch in Berlin wurde am Montag der Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz begangen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) betonte den Stellenwert der Erinnerungskultur. "Authentische Orte halten die Erinnerung an das Unfassbare wach", teilte sie mit. Im Mittelpunkt des Gedenkprogramms in der Bundeshauptstadt sollte ein Konzert in der Staatsoper Unter den Linden stehen, zu dem am Abend Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki erwartet wurden.