Kammerspiele sind Theater des Jahres Lilienthal: Triumph für einen Vertriebenen

Matthias Lilienthal, Intendant der Kammerspiele Foto: dpa

„Theater heute“ kürt die Münchner Kammerspiele zum „Theater des Jahres“ 

 

Noch im Juli hatte Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal wenig Schmeichelhaftes über sein Theater lesen können: „Ich habe in vielen Fällen einen Grad an Dilettantismus und Selbstüberschätzung erlebt, der furchterregend, abenteuerlich oder einfach bescheuert war“, beschrieb Residenztheater-Intendant Martin Kušej in seinem Abschiedsinterview in der AZ seine Sicht auf die Kammerspiele – und wechselte an die Wiener Burg. Lilienthal verzichtete damals auf eine laute Replik. Nun wird sein kontrovers diskutiertes Theater mit Lob geradezu überhäuft.  In der jährlichen Kritiker-Umfrage des Fachmagazins „Theater heute“ wurden die Münchner Kammerspiele mit großer Mehrheit (11 von 44 Stimmen) zum Theater des Jahres gewählt. Auch in weiteren Kategorien wurden die Kammerspiele ausgezeichnet: Das zehnstündige Antikenprojekt „Dionysos Stadt“, inszeniert von Christopher Rüping an den Münchner Kammerspielen, wurde mit insgesamt 14 Stimmen zur Inszenierung des Jahres gekürt. Das Stück war auch zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen worden. Nils Kahnwald wurde für seine Leistung in „Dionysos Stadt“ zum Schauspieler des Jahres“ gewählt. Kahnwald ist seit der Spielzeit 2017/18 festes Ensemblemitglied der Kammerspiele und spielt dort aktuell in fünf Inszenierungen. Die Wahl der Nachwuchsschauspielerin des Jahres fiel auf Ensemblemitglied Gro Swantje Kohlhof. Und Lena Newton hat für Susanne Kennedys „Drei Schwestern“ das Bühnenbild des Jahres in der Kammer 1 entworfen.

Was lange währt ...

„Wir freuen uns sehr über diese Anerkennung unserer Arbeit und gratulieren herzlich den künstlerischen Teams! Was lange währt, wird endlich gut! Diesen Erfolg werden wir nun mit den Mitarbeiter*innen der Kammerspiele und den Münchner*innen feiern“, lässt Matthias Lilienthal in einer Presseerklärung verlauten. Das klingt nach viel Rückenwind für die letzte Spielzeit der Kammerspiele unter der Leitung von Matthias Lilienthal, der die vom damaligen Kulturreferenten Hans-Georg Küppers angebotene Vertragsverlängerung um drei Jahre abgelehnt hatte, nachdem die Rathaus-CSU die übliche Verlängerung um fünf Jahre verweigert hatte. So konnte sich Lilienthal zumindest noch als politisches Opfer inszenieren und nicht nur als künstlerisch Missverstandenen. Jetzt allerdings gratulieren alle. Oberbürgermeister Dieter Reiter schreibt: „In seiner vierten Spielzeit als Intendant der Münchner Kammerspiele attestiert die überregionale Theaterszene Matthias Lilienthal, dass sein Engagement für gesellschaftliche Themen und seine Unerschrockenheit, mit der er künstlerische Aussagen und Pläne verfolgt, den Nerv unserer Zeit treffen. In München oft diskutiert, beschert er nun dem Theater der Stadt mit der Auszeichnung ‚Theater des Jahres‘ einen großartigen Erfolg, von dem München als Theaterstadt sehr profitiert.“

Die CSU hat Lilienthal vertrieben

Und Florian Roth, Mitglied des Kulturausschusses und Vorsitzender der grünrosa Fraktion erinnert an den politischen Streit im vergangenen Jahr: „Dieser grandiose Erfolg ein Jahr vor Ende seines Vertrages wirft natürlich noch einmal ein neues Licht auf die Entscheidung, den Vertrag von Matthias Lilienthal nicht zu verlängern: Ein von der CSU verkörperter Kulturkonservativismus, gegen den weder der Oberbürgermeister noch der Koalitionspartner SPD aufzubegehren wagte, hat letztlich dafür gesorgt, dass ein spannendes, überregional Aufmerksamkeit erregendes Experiment vorzeitig abgebrochen wurde.” Nach Ansicht seiner Kritiker hat der 59-Jährige allerdings auch das klassische Sprechtheater vernachlässigt und stattdessen zu viel Diskurs und Experimentelles auf die Bühne gebracht. Zudem wurde ein Rückgang der Zuschauerzahlen beklagt. Die Jury von „Theater heute“ hat mit der demonstrativen Rückendeckung für Lilienthal auch ein politisches Zeichen gesetzt. Die Schauspielerin des Jahres allerdings kam nicht von den Kammerspielen, auch wenn sie dort bis 2015 drei Jahre lang Ensemblemitglied war: Sandra Hüller wurde für ihre Arbeit in Heiner Müllers „Die Hydra“ und William Shakespeares „Hamlet“ am Schauspielhaus Bochum ausgezeichnet. Theaterstück des Jahres war nach Ansicht der Kritiker Elfriede Jelineks „Schnee Weiss (Die Erfindung der alten Leier)“, das vom Schauspiel Köln im Dezember uraufgeführt wurde. Die Theaterfreunde aber blicken nun mit besonderem Interesse nach München, nicht nur wegen Lilienthal, sondern auch, weil ab diesem Herbst Andreas Beck die Intendanz des Bayerischen Staatsschauspiels übernimmt.

 

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