Jüngste Glockensachverständige Die Glocken-Herrin: "Es geht um Perfektion"

Katja Engert, die Glockensachverständige des Bistums Würzburg Foto: dpa

Wenn in einem Dorf eine Kirchenglocke ihren Geist aufgibt, ist Katja Engert oft die letzte Hoffnung. Sie ist die Glockensachverständige des Bistums Würzburg und damit zuständig für mehr als 3000 Glocken. Zudem ist sie eine der jüngsten Glockensachverständigen Deutschlands.

 

Dettelbach/Würzburg  – Mächtig dröhnt die Glocke aus Weißbronze im Inneren des Kirchturms. Katja Engert lauscht durch ihren Ohrenschutz konzentriert auf das Läuten und nickt zufrieden. Alles in Ordnung, die Glocke hängt sicher, der Stahlglockenstuhl wackelt nicht. „Allerdings ist die Glocke im Inneren schon ziemlich ausgeschlagen“, sagt die 29-Jährige zum Kirchenpfleger des Dorfes Neusetz bei Dettelbach (Landkreis Kitzingen). Sie kennt sich aus mit Kirchenglocken. Seit diesem Frühjahr ist sie als Sachverständige für das Bistum Würzburg tätig.

Damit hat sie die Kontrolle über mehr als 3000 Kirchenglocken, die tagein, tagaus in Unterfranken bimmeln. Ob der Würzburger Dom, eine Aschaffenburger Kirche oder die Glocken einer kleinen Dorfkirche - sie ist dafür zuständig, dass sie alle gut klingen und sicher sind.

Deutschlandweit hat sie etwa 50 Kollegen, die die Glockentürme evangelischer und katholischer Gotteshäuser regelmäßig in Augenschein nehmen. Darunter sind mindestens fünf Frauen. Ausgebildet werden sie an Hochschulen in Regensburg und Halle (Sachsen-Anhalt).

„Bei uns bekommen sie die Theorie, die Praxis aber müssen sie sich in den Kirchtürmen holen“, sagt Martin Kellhuber, stellvertretender Direktor der Hochschule für katholische Kirchenmusik in Regensburg. Derzeit belegen etwa 50 Menschen die Kurse der dreijährigen Zusatzausbildung. „Aber nicht alle werden danach auch Glockensachverständige. Wir wollen ja keine Schwemme.“ Prüfungen legen nur diejenigen ab, die im Anschluss auch von den Kirchen beschäftigt werden.

Mit ihren 29 Jahren ist Engert eine der jüngsten Glockensachverständigen in Deutschland. Ihr Vorgänger hatte sie unter seine Fittiche genommen, als sie mit 22 Jahren als angehende Architektin ein Praktikum in einem Würzburger Ingenieursbüro machte.

Der Neusetzer Kirchenpfleger Benjamin Schimmer hat Engert gerufen, weil er die Meinung eines Experten hören wollte. „Ich kann eine Aufstellung machen, die zeigt, was dringend nötig ist und was empfehlenswert“, sagt Engert. Ist etwas am Turm kaputt, lässt die Sicherheit nach, oder ist das Dach undicht, dann hilft das Bistum auch finanziell. Die Neuanschaffung von Glocken aber ist Sache der Gemeinde.

Engert macht Fotos, klettert im staubigen Glockenturm nach oben. Sie hat Zollstock, Taschenlampe, Stimmgerät, eine kleine Wasserwaage und eine Stoppuhr im Gepäck. „Ich erstelle auch immer ein Protokoll, damit das Bistum weiß, ob und was in den Kirchentürmen im Argen liegt.“ Es geht um die Sicherheit. „Es darf nicht abstürzen, nichts morsch sein und die Glocken müssen ihren Dienst tun können“, fasst die Expertin aus Lohr am Main (Landkreis Main-Spessart) zusammen.

„Hier in Neusetz sind neue Glocken noch nicht dringend nötig. Aber die Treppe, die müssen Sie wirklich noch sicherer machen“, sagt Engert in strengem Ton, als sie wieder auf dem Weg nach unten ist. Kirchenpfleger Schimmer nickt.

Die gebürtige Fränkin sieht aber nicht nur Statik, Sicherheit und Bausubstanz, wenn sie auf Kirchturm-Tour geht. Sie achtet auch auf den Klang der Glocken. Seit sie zehn Jahre alt ist, spielt Engert Klavier. „Das hilft natürlich bei der Arbeit. Denn auch der Klang der Glocken ist Musik, für die man sein Gehör schulen muss.“ Das wird vor allem dann wichtig, wenn neue Glocken gegossen werden müssen. Auch das fällt in ihren Zuständigkeitsbereich. Sie gibt die Glocken in Auftrag, legt das Material, die exakte Größe und die Tonart fest. Und sie kontrolliert natürlich auch, ob die Gießerei alle Daten umgesetzt hat. „Da geht es um Perfektion.“

„Die Glocken sind im Grunde auch Musikinstrumente und da sollte alles zusammenpassen“, sagt die 29-Jährige. Im Frühjahr 2013 wird sie die letzten Prüfungen ablegen. An zwei von fünf Arbeitstagen widmet sich die Architektin ganz den unterfränkischen Glocken. „Es ist eine schöne Nische von der Arbeit her. Man kann den Leuten damit viel Freude machen“, sagt Engert, klopft sich den Staub von der schwarzen Jacke, packt ihren Koffer und düst zum nächsten Kirchturm.

 

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