Joseph von Westphalen Zweifel am Verstand

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Der Flaneur betätigt sich als Politikberater und hat einen Tipp für die Kanzlerin

 

Es gibt eine Menge Gelegenheiten, an seinem Verstand zu zweifeln: wenn einem trotz dreimaligem Lesen nicht klar ist, wie man die Sender-Plätze des neuen Radios festlegt oder was Jürgen Habermas mit einem schlauen Satz gemeint haben könnte, oder warum sich die SPD ständig selbst demontiert oder die CSU so viel Zuspruch hat, obwohl sie auch nicht auszuhalten ist, oder warum so viel Leute dämliche Fernsehsendungen gucken, obwohl es genug gute gibt.

Warum ist das so? Alles zu viel für den armen, strapazierten Verstand. Man muss nicht gleich verzweifeln, aber Zweifel sind angebracht. Man hält sich sofort für verrückt, wenn die vorsorglich aus der Zeitung getrennte Seite mit dem Kinoprogramm verschwunden ist. Der Alltag bietet Hunderte von Gelegenheiten, an seinem Verstand zu zweifeln. Man muss es nur tun – getreu dem Ausspruch von René Descartes, der vor 400 Jahren, als Philosophen noch verständlich formulierten, „cogito ergo sum“ schrieb, was der Kenner mit „ich zweifle, also bin ich“ übersetzt, weil das Zweifeln intelligenter und zielgerichteter ist als das oft wolkige Denken.

Ich glaube, ich muss ein Buch schreiben: „365 Gelegenheiten, an seinem Verstand zweifeln". Das wäre doch mal ein hilfreicher Führer durch all die fragwürdigen Tage des Jahres, eine nützliche Anleitung für die Leute, die nicht stehen bleiben wollen bei den immer gleichen Zweifeln an ihrem Verstand wegen des unauffindbaren Schlüsselbunds, der sich einfach nicht mehr auf dem Tisch befindet, auf den man ihn eben noch abgelegt hat. Manche Ehepaare zweifeln allmorgendlich an ihren Verstand und begreifen nicht, wieso sie einmal so blind gewesen sein konnten, diesen entnervend maulfaulen und entschieden zu fetten Kerl zu heiraten oder dieses zeternde Weibstück.

Bisschen primitiv und eintönig. Man sollte abwechslungsreicher und mit mehr Niveau zweifeln: Warum will es einem nicht in den Kopf, dass Angela Merkel, die doch nicht blöd ist, die Chance ihres Lebens verpasst? Sie könnte sich mühelos in Sekundenschnelle zur beliebtesten, kühnsten und bahnbrechendsten Politikerin machen. Warum tut sie das nicht?

Mit wenigen Worten könnte sie alle großen Nationen beschämen und ihre Regierungschefs als verlogene Hampelmänner dastehen lassen. „Die Bundesrepublik Deutschland gewährt Edward Snowden politisches Asyl.“ Acht Worte. Die Welt wäre sprachlos vor Hochachtung, die Amis würden nicht weniger, sondern doppelt so viel deutsche Autos kaufen. Vorerst wohnt Snowden im Kanzleramt. Dort werden sich selbst die widerlichen Ratten der Geheimdienste nicht an ihm vergreifen.

Los Merkel, raff Dich auf! Dann würde ich Dich vielleicht sogar wählen. Sei souverän und mach das, ehe der Papst im Vatikan ein Zimmer für den Gejagten frei macht, und ich aus lauter Sympathie katholisch werden muss.

 

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