Joseph von Westphalen Zum Anbeten!

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Joseph von Westphalen ist der Flaneur und schreibt samstäglich seine Kolumne in der Abendzeitung. Diesmal plädiert es für Heiligenverehrung

 

Letzte Woche habe ich mich über das Heiligsprechen der von ihrem Titel her doch eigentlich eh schon heiligen Heiligen Väter amüsiert oder auch milde mokiert. Einen Aufstand habe ich damit nicht ausgelöst.

Dazu muss man ein hässlicher Boris Becker oder eine hübsche Schauspielerin sein und einen dümmlichen Tweet absetzen, den Hunderttausende von dümmlichen Followern für provokant halten. Dann fegt ein Shitstorm übers Land, und die in der Bedeutungslosigkeit versinkenden Promis kommen wieder ins Gespräch. Der Gipfel der Aufmerksamkeit ist erreicht, wenn durch die online-Nachrichten die Meldung geistert: Sein Twitteraccount wurde vorübergehend lahm gelegt. Dagegen komme ich mit meinen Kolumnen nicht an. Ein paar Leserbriefe, mehr nicht. Keine überquellenden Postkästen, keine zusammenbrechenden Leitungen. Eine einsame Kirchenhasserin pflichtet mir bei und möchte einen Kaffee mit mir trinken, wahrscheinlich, um mir die Gründe ihrer Abneigung zu erläutern. Dabei hasse ich die Kirche gar nicht, ich kann sie nur nicht ernst nehmen.

Eben dies wirft mir ein spirituell angehauchter Psychotherapeut vor: mangelnden Respekt vor Andersdenkenden. Seine Frage: Ob ich vergessen hätte, wie man Fernseher oder Radio ausschaltet? Ist das sein Ernst?

Eine Menge dessen, was die Medien uns liefern, ist schwer erträglich. Ich finde es geradezu christlich von mir, das Elend auf dem Globus zur Kenntnis zu nehmen und Glotze und Radio eben nicht abzuschalten. Die Veranstaltung auf dem Petersplatz war natürlich vergleichsweise harmlos. Nicht strapaziöser als eine Volksmusiksendung.

Im übrigen habe ich meine Meinung geändert. Heilige sind doch nötig. Bertolt Brechts belehrende „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ ist passé. Sprödes Stück. Wertstoffhöfe sind aktueller. Die wurden in München bekanntlich reihenweise dicht gemacht, weil das Personal sich zunehmend in kriminelle Machenschaften verwickeln ließ. Fast schon neapolitanische Zustände in unserer blitzsauberen Stadt! (Unbedingt Martina Schwarzmanns prophetischen „König vom Wertstoffhof“ hören!).

Die armen Leute mit ihren Porsche Cayennes wissen schon seit Wochen nicht mehr, wohin mit ihren nagelneu ausrangierten 2-Meter-Flachbildschirmen. Was fehlt, ist eine Heilige Johanna der Wertstoffhöfe, die mit dem Schwert in der Hand für die Lösung eines der größten Probleme dieses Jahrhunderts kämpft: für eine gelungene Entsorgung. Die würde ich glatt anbeten.
 

 

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