Joseph von Westphalen Wie geschmiert

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Joseph von Westphalen ist der Flaneur und schreibt samstäglich seine Kolumne in der Abendzeitung. Diesmal macht er sich Gedanken über den Autorennsport.

 

Vor ein paar Tagen ist ein nüchterner, aber verkehrsmoralisch wohl etwas minderbemittelter junger Mann mit über 170 den Frankfurter Ring entlang gebrettert. Er wurde geblitzt und gestellt. Manchmal ist man der Polizei richtig dankbar. Ein viertel Jahr Fahrverbot und 1380 Euro Bußgeld finde ich aber etwas billig. Wenn ich mir überlege, dass ich als Radfahrer schon an die 50 Euro zahlen muss, wenn ich erwischt werde, wie ich bei Rot die Straße kreuze - und sei es mitten in der Nacht. Aber gerade da kann natürlich der nächste Spaßfahrer mit Autobahngeschwindigkeit daherkommen. Die Überreste meines Körpers und meines Fahrrads haben dann womöglich noch Teilschuld an seiner verbeulten Kühlerhaube.

Der Rasende gab an, er habe nur Spaß haben wollen. Wie egoistisch. Wie unpolitisch. Er hätte doch sagen können, mit dieser Fahrt habe er auf das Schicksal von Bernie Ecclestone aufmerksam machen wollen. Hinter der Anklage gegen den König des Autorennsports wegen Korruption stehe nichts als niederträchtige Formel-1-Verachtung und blanker Hochgeschwindigkeitshass. Und dann finde die Verhandlung auch noch im popligen Landgericht statt. Uli Hoeneß sei wenigstens im noblen Justizpalast verurteilt worden.

Glaubt irgendwer noch daran, dass Sport sauber ist? Ohne Doping, ohne Korruption und Erpressung funktioniert das Spektakel längst nicht mehr. Im Autorennsport wird es geradezu bildhaft deutlich: Motoren brauchen Schmierstoff, sonst dreht er sich nicht mehr. Ecclestones Kunststück: dass er seine Milliarden mit einem Minderheitensport verdient hat, den die Mehrheit als ziemlich idiotisch empfindet. Gegen diese Leistung verblassen die Fähigkeiten der Fahrer und Mechaniker – und auch die Oberweiten der Boxenluder. Mal angenommen, Mr. Ecclestone wird in München freigesprochen, nimmt vor lauter Dankbarkeit über die Wahrheitsfindung der hiesigen Justiz ein paar lumpige Milliönchen und investiert sie in diese bekanntlich finanziell etwas notleidende Zeitung.

Die gute Tat würde den Mann vielleicht ein Tausendstel seines Vermögens kosten. Das sind, auf überschaubare Größenverhältnisse übertragen, 10 Cent von 100 Euro. Kein Opfer, für das man sich unter Tränen bedanken müsste. Es würde mit der Zeitung und mit dieser Kolumne also munter weiter gehen. Oder sollte ich sagen: wie geschmiert. Ich wüsste nämlich gern, ob ich mir dann ein bisschen bestochen vorkäme, ob ich den Autorennsport weiterhin als eine Veranstaltung von armen Irren für arme Irre bezeichnen würde.

 

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