Joseph von Westphalen Wenn Klamotten beichten gehen

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Der Flaneur versaut sich die Hose und hadert vor der Tür der Reinigung mit Gott und der Welt

 

Beim allzu gierigen Verschlingen der Spaghetti hatte sich ein satt in Tomatensauce getränktes Stück von der Gabel gelöst und war wie ein toter Wurm auf meine helle Lieblingshose gefallen. Alle Versuche, die Folgen dieses Missgeschicks eigenhändig zu beseitigen, blieben erfolglos. Es wurde alles nur noch schlimmer.

Ein Fall für die professionelle Fleckenentfernung. Einziger Trost : dass der Unfall zu Hause passiert war und nicht im Lokal. Derart bekleckert hätte ich mich ungern auf die Straße begeben. Da rächt es sich, wenn man keine Mantel trägt. Ich hätte mein Schandmal mit einer verdächtig verkrampft vor dem Körper getragenen Einkaufstüte bedecken müssen - oder warten, bis es dunkel ist.

Muss eigentlich befriedigend sein, im Wäscherei- und Reinigungsgewerbe zu arbeiten. Die Kundschaft aus allen sozialen Schichten kommt mit besudelten und beschmierten Klamotten, gleichermaßen kleinlaut und ängstlich besorgt, ob die Spuren der Fahrradkette, des spontanen Niederkniens auf dem nassen Rasen, des unachtsamen Essens oder Rotweintrinkens beseitigt werden können. Ob nach einem Edelmenü mit Hummer oder nach Kantinenfutter: alle Ferkel hoffen auf ein Wunder. Die Reinigungsfachleute begutachten die Flecken, wiegen den Kopf, schauen bedenklich, können nichts garantieren, versprechen aber, alles menschmögliche zu tun. Dank brachialer Chemie verschwinden in den meisten Fällen tatsächlich die Mahnmale des fahrlässigen Verhaltens.

Gegen Bezahlung von ein paar Euro wird der Schaden gleichsam ungeschehen gemacht. Die Dankbarkeit der Kundschaft kennt keine Grenzen. So befreit und reinlich muss es Katholiken nach dem Beichten ihrer hässlichen Sünden zumute sein, so fleckenteuflisch, so K2R- oder gallseifenmäßig dem die Absolution spendierenden Priester.

Die Tür zu der kleinen Reinigung, die meine Hose hoffentlich würde retten können, war am helllichten Vormittag verschlossen. Neben dem Schild mit den Öffnungszeiten ein kleiner Zettel: „Komme gleich wieder!“ Die altmodisch handgeschriebene, angenehm kleinstädtische Botschaft rührte mich. Den Laden einfach dicht machen, das ist ja erst mal sympathisch. Das Leben besteht nicht nur aus Kundschaft. Es gibt zwischendurch Wichtigeres zu erledigen.

Nach ein, zwei Minuten wichen Rührung und Verständnis, und eine Gefühlsmischung von Missmut und Ratlosigkeit machte sich in mir breit. Was hieß „gleich“? Was war das für eine windelweiche Zeitangabe. Warum stand da nicht präzise „10 Minuten“. Wie lange sollte ich noch hier stehen. Ich kam mir vor wie ein Bittsteller. Jetzt unverrichteter Dinge weggehen war auch keine Lösung.

Ich wollte die Hose loswerden und nicht länger mit mir herumtragen. Obwohl ich nichts weiter vorhatte, empfand ich das Warten mit unsicherem Ausgang als unzumutbare Zeitvergeudung. Wie lange soll man das aushalten? Auflösung nächste Woche.

 

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