Joseph von Westphalen Weiße Wäsche und faule Zähne

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Joseph von Westphalen ist der Flaneur und schreibt samstäglich seine Kolumne in der Abendzeitung. Diesmal empfielt der Flaneur eine spezielle Sichtweise für den Museumsbesuch

 

Auch Romanfiguren leben nicht allein von Luft und Liebe. Sie brauchen Geld. Als Autor hat man die Macht, sie eine Erbschaft machen zu lassen. Da ich selbst nichts erbe, bin ich da kleinlich. Ich gönne es keinem. Ich habe allerdings für einen Typen, der in meinem nächsten Roman vorkommen wird, einen gut bezahlten Job erfunden: Er stellt einen Kunstkalender zusammen, den ein Waschmittelkonzern seinen Kunden als Werbegeschenk zukommen lässt.

Bilder zu einem bestimmten Thema zusammenzusuchen ist für jeden Kunstliebhaber ein Vergnügen. So kann ich meine Romanfigur ins Münchner Lenbachhaus schicken und das bekannte Bild von Gabriele Münter mit der an der Leine hängenden Wäsche in Augenschein nehmen lassen. Dabei fällt ihm Nordflügel der Galerie ein Landhaus (von Gabriel von Max) am Starnberger See auf, in dessen Garten die Wäsche noch viel luftiger trocknet und dem kleinen Gemälde den nötigen Akzent verleiht.

Dann lasse ich ihn in die Alte Pinakothek hinüber gehen, wo er einen Wutabfall bekommt, weil der Trakt mit den Franzosen gerade renoviert wird und für Besucher gesperrt ist, und er ein Bild von Hubert Robert aus dem späten 18. Jahrhundert nicht auf seine Eignung für den Kalender prüfen kann. Im Rokoko trugen all die Gecken und Dämchen blütenweiße Westen und saubere Manschetten – also wird sehr viel gewaschen, auch auf den Bildern dieser Zeit. Na- türlich immer sehr anmutig, als wäre das Reinigen der von den reichen Schnöseln versauten Klamotten am Brunnen und am Fluss ein reines Vergnügen. Die Wäscherinnen sind allerliebst, tragen den Wäschekorb grazil wie Göttinnen auf dem Kopf und flirten dabei noch mit Kavalieren, die ihnen durchsichtige Komplimente wegen ihres hübschen Ausschnitts oder Hinterns machen. Das ist zwar alles verlogen, aber man sieht es doch lieber als hundert Jahre später die eher freudlosen Waschfrauen, die einen realistisch und sozialkritisch daran daran erinnern, dass es eine Knochenarbeit ist, Betttücher und Klamotten mit einem Holzprügel sauber zu schlagen.

Museen machen mehr Spaß, wenn man nach etwas Bestimmtem sucht. Ist man zum Beispiel in eine Zahnarzthelferin verliebt, kann man nach gar nicht seltenen Bildern fahnden, auf denen mit genüsslicher Boshaftigkeit das Zahnziehen dargestellt wird. Foto oder Postkarte von dem Motiv sind ein ideales Mitbringsel beim nächsten Zahnarzttermin.



 

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