Joseph von Westphalen Verantwortungsbereit

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Der Flaneur grübelt über den anstehenden Bürgerentscheid zur Olympiabewerbung

Stimmrecht und Mitbestimmung sind demokratische Errungenschaften, für deren Einführung unsere Vorfahren mutig gekämpft haben. Man darf sich eigentlich gar nicht darüber lustig machen. Der Nachteil des jetzigen Mitredenkönnens ist natürlich, dass man sich als Bürger immer besser auskennen muss. Man muss geradezu strotzen vor Mündigkeit und Informiertheit, um sich guten Gewissens entscheiden zu können.

Jetzt steht mal wieder ein Bürgerentscheid an. Man darf und sollte abstimmen, ob sich München für die olympischen Winterspiele 2022 in Garmisch, Berchtesgaden und Traunstein bewerben soll. Grausam daran ist die Jahreszahl, die einen unsanft daran erinnert, dass man, egal wo das Spektakel tatsächlich stattfindet, dann 9 Jahre älter sein wird. Es ist eine Zumutung, so viel Interesse für die ungewisse Zukunft aufzubringen.

Aber wir sind uns ja mittlerweile alle kolossal unserer Verantwortung bewusst. In jeder Talkshow beklatscht das verantwortungsbereite Studiopublikum die Gäste, die uns ermahnen, unseren Kindern und Enkeln einen sauberen Globus mit genügend Eisbären am Nordpol und Gorillas im Dschungel zu hinterlassen – und eine schuldenfreie Staatskasse dazu.

Ich stimme natürlich mit NEIN. Die Befürworter erinnern an die Entwicklungsimpulse, die München durch 1972 erfahren hat. Gäbe es ohne die damaligen Sommerspiele immer noch keine U- und S-Bahn? Hätte sich München zu eine Art Freilichtmuseum entwickelt? Würden in der Innenstadt nur Pferdefuhrwerke verkehren?

Die ziemlich schlagenden Argumente der Olympiagegner brauche ich hier nicht aufzuführen. Man braucht im Internet bloß nach „nolympia“ zu suchen und kann da alles nachlesen, was dagegen spricht.

Mich stößt nicht nur die penetrante Geschäftemacherei mit Olympia ab, es freut mich auch die Tatsache, dass das Großsportereignis nicht überall willkommen ist, dass man nicht mehr alle möglichen Zerstörungen dem Ausbau der heißgeliebten Infrastruktur zuliebe widerstandslos in Kauf nimmt. Und es amüsiert mich, dass die selbstgefälligen und siegessicheren Veranstalter mit ihren hinterfotzigen Profitverheißungen zusammen mit ihren trainierten Helden in die Lage von Asylbewerbern kommen.

Der Papierkram mit dem Bürgerentscheid ist etwas umständlich. Jeder Bundesbürger sollte zum 18. Geburtstag ein Handy bekommen, mit dem er wählen und abstimmen kann. Wäre kostengünstiger und praktisch auch für kleine Entscheidungshilfen. Morgens bekommen die 60 Millionen Wahlberechtigen eine SMS direkt vom berühmten Kanzlerinnenhandy: Dobrindt will Minister werden. Soll er, oder wird Ihnen dann übel?

 

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