Joseph von Westphalen Unter Freunden der schönen Literatur

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Der Flaneur begegnet einem Leser, dem diese Kolumne zu lang ist

 

Neulich geriet ich auf eine kleine Party, mit der ein freundlicher, vielleicht fleißig, vielleicht auch faul gewesener Staatsdiener in den Ruhestand verabschiedet wurde. Jüngere Kollegen und Freunde seines Alters, die den Sprung in die Erwerbslosigkeit schon unbeschadet überstanden hatten, sprachen ihm Mut zu. Natürlich war vom „Unruhestand“ die Rede. Das neckisch-markige Trostwort fällt bei solchen Anlässen immer und wird beklatscht als habe es der Redner soeben erfunden.

Allen Alten ging es sichtlich gut, alle glänzten vor Gesundheit, sprachen (stolz sportlich) von Radtouren mit luxuriösen Elektrobikes und (nicht stolz, weil nicht sportlich) von Kreuzfahrten. Alles Leute, die noch einmal davon gekommen sind, denen das Generationenschicksal hold war, die noch satte Renten und Pensionen einstreichen. Persönliche Altersarmut ist ihnen so fern wie die Polschmelze.

Derartige Rentner und Pensionäre wollen nicht so satt und zufrieden wirken, wie ihnen zumute ist. Sie haben das nicht verdient. Deshalb machen sie leicht verlegene Glücksgesichter und lächeln fast entschuldigend zu den jüngeren Geldverdienern hinüber, deren Beiträge ihnen den Wohlstand garantieren.

Ein Bekannter zupfte mich am Arm und riss mich aus meinen Generationenvertragsüberlegungen: „Da ist jemand, der Sie kennen lernen will!“ Ich wurde einem braun gebrannten, vital federnden 80-Jährigen vorgestellt, der nach einer 8000-Euro-Pension aussah. „Sie sind also der Flaneur“, rief er so strahlend, dass ich sofort ins Träumen geriet. Gleich würde er, wenn nicht auf die Knie, so doch mir um den Hals fallen und beteuern wie gern er mich allwöchentlich lese, dass er ein Kenner und Liebhaber gewählter Worte sei und nichts lieber täte als die Literatur zu unterstützen. Dabei würde er ein altmodisches Scheckheft aus der Innentasche seiner edlen Kaschmirjacke ziehen und mich formvollendet fragen, mit welchem Betrag er meine Schreibarbeiten unterstützen dürfe.

„Ich kenne Ihre Kolumne“, sagte er nickend. Das klang jetzt doch mehr nach ideellem Lob als nach finanzieller Spende. Auch gut. Nicht jeden Tag hat man so ein Erfolgserlebnis. Ich senkte bescheiden den Blick. „Ich kann kann sie nur leider nicht lesen“, sagte mein Gönner. Jetzt wurde ich neugierig. Seine Augen blitzten. Blind sah er nicht aus. „Viktor!“ rief mahnend seine hinter ihm stehende Frau. „Einfach zu lang, was Sie schreiben“, sagte er, jetzt doch deutlich vorwurfsvoll. „Viktor!“ erscholl es wieder. Er achtete nicht auf die erneute Verwarnung und befahl: „Schreiben Sie kürzer, dann lese ich Sie.“

Ich wollte wissen, warum er mich lesen wolle. Warum? Weil seine Frau mich liest und sich über mich är- gert. Demnach müssten ihm die Kolumnen gefallen. „Viktor!“ Der Schrei war markerschütternd. Viktor aber war ungerührt: „Nur eben zu lang.“ Ich sagte: „In zwei Minuten ist das gelesen, zum Schreiben brauche ich leider länger“. Darauf Viktor: „Sie glauben nicht, wie wenig Zeit man im Alter hat.“

Vielleicht will Viktor den Mount Everest besteigen. Der wird ja neuerdings bevorzugt von Leuten ab 80 aufwärts erklommen. Vielleicht trainiert Viktor wie ein Besessener. Da ist natürlich jede Minute kostbar.

 

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