Joseph von Westphalen Nie in Rente gehen!

Altenpflege und Chinakredite: Der Flaneur wagt einen Blick in die Zunkunft

 

Schade, dass es kein Demoskop gibt: ein optisches Gerät, schwer und altmodisch, außen schwarz mattiertes Metall, innen ein Satz bestens geschliffener Linsen aus dem Traditionshaus Carl Zeiss, ein Guckrohr, in das man eine Münze einwirft und dann eine Minute lang das unter die Lupe nehmen kann, was die alten Griechen „demos” nannten und wir als Bevölkerung bezeichnen. Manchmal, in einer Anwandlung von demokratischem Stolz, betiteln wir die herumwuselnde Menschenmasse, zu der wir selbst gehören, als „den Souverän das Volk”, um zum Ausdruck zu bringen, dass die von uns gewählten Politiker gefälligst Respekt vor uns zu haben haben. Haben sie auch, zumindest vor Wahlen.

Das Demoskop gibt es nicht. Der Demoskop aber existiert durchaus. Demoskopen betreiben Meinungsforschung. Im Gegensatz zu einem optischen Präzisionsapparat liefern sie keine gestochen scharfen Bilder. Sie stellen im Auftrag von Parteien, Industrie und Medien 2000 Leuten dämliche Fragen und verrühren die konfusen Antworten zu einem Brei, in dem sie herumstochern und ihre Weissagungen treffen.

Die Meinungsforscher verbindet mit den Astrologen und Meteorologen, dass ihnen nicht übel genommen wird, wenn sie daneben liegen. Der Unterhaltungswert zählt, nicht die Richtigkeit. Wenn man schon nicht in die Zukunft sehen kann, will man wenigstens wissen, wieviel Prozent der Deutschen sich Thomas Gottschalk als Präsident des FC Bayern vorstellen könnten und wieviel Adidas-Turnschuhe dann mehr oder weniger verkauft werden würden.

Neben den Demoskopen gibt es noch die Demografen, die auch nicht schlecht orakeln. Sie beschäftigen sich nicht mit so schnöden Dingen wie der nächsten Wahl, sondern blicken weit voraus. Sie haben zwar keine Ahnung von der Unsterblichkeit guter Songs, Bilder und Bücher, aber von Mortalität und Fertilität der Gesellschaft.

Die Demografen haben das Wort „Unterjüngung" erfunden, reden pausenlos von Geburtenrate, Geburtenrückgang, unermesslicher Altersarmut und deprimieren unsere armen Kinder, indem sie das Bild einer in naher Zukunft vollständig vergreisten Gesellschaft an die Wand malen – neben dem Ozonloch das große Schreckgespenst, das uns bald auslöschen wird. Wenn dazu die Demoskopen die richtigen Fragen stellen, kommt als Ergebnis heraus: 90 Prozent unserer 6- bis 8-Jährigen glauben bereits, dass sie Altenpfleger werden müssen, erst mit 80 in Rente gehen können und bis dahin ihr ganzes Berufsleben lang 100 bis 120-Jährige rund um die Uhr betreuen müssen, für einen Hungerlohn, der nur noch bezahlt werden kann, weil uns China mit Krediten über Wasser hält.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading